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Full text: Russland, officieller Ausstellungs-Bericht

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Wilhelm von Lindheim 
Die Unmäfsigkeit hat, wie allerfeits bekannt, dafelbft gar traurige Folgen 
gehabt. Abgefehen davon, dafs fie die geiftige Entwicklung vollttändig verhindert, 
übt fie auch auf den körperlichen Wohlftand unheilbringende Einflüße aus. 
Es kann conftatirt werden, dafs die Trunkfucht hauptfächlich in Grofs- 
Rufsland zu finden ift, und dafs im Süden und Südweften, alfo da, wo jetzt fchon 
eine beffere Wirthfchaftsweife platzgegriffen, auch diefes Uebel mehr und mehr 
verfchwindet. 
Die Commiflion theilt namentlich mit, dafs fich die Trunkfucht in G r o fs- 
Rufsland nicht nur als perfönliches Lafter darftellt, fondern dafs fie mit allen Feft- 
lichkeiten und Feiertagen in enger Verbindung fteht, unter deren Vorwand die 
Bevölkerung fleh oft dem übermäfsigen Genuffe des Branntweines hingibt. 
Wenn das wahr ift, was hier gefagt wird, fo wäre vornehmlich zu beklagen, 
dafs fogar die Strafe, welche die Gemeindevertretung einem ihrer Mitglieder auf 
erlegt, oft genug gerade darin befteht, dafs eine gewiffe Quantität Branntwein an 
den Richter zu geben ift. 
Hierin ift allerdings das Zeichen einer tiefen Demoralifation zu fehen. 
Im Publicum und namentlich im Auslande hat die Anficht platzgegriffen, 
dafs die traurigen Fortfehritte der Trunkfucht hauptfächlich der ftets wachfenden 
Anzahl von Schänken und Branntwein - Verkaufsftätten zugefchrieben werden 
müffen. 
Es wird indeffen durch die gefammelten Mittheilungen feftgeftellt, dafs vor 
Einführung der Getränkefteuer, welche mit der Abfchafiüng der Leibeigenfchaft 
zufammenfiel, die Anzahl der Getränke - Verkaufsftätten in den verfchiedenen 
Theilen des Reiches fehr ungleich vertheilt war. 
In den Gouvernements von Grofs-Rufsland, welche dem Pachtfyftem unter 
worfen waren, exiftirten 13.815 Schankftätten, welche in den Regiftern eingetragen 
waren, und aufserdem noch eine aufserordentlich grofse Anzahl von Verkaufsftätten, 
welche von der Stadt felbft oder auf dem Lande von den Eigenthümern des 
Befitzes die Bewilligung erhalten hatten. 
Beide Arten von Verkaufsftätten zufammen können etwa auf 30.000 Eta- 
bliffements veranfchlagt werden. 
In den anderen Theilen Rufslands war die Anzahl der Branntwein-Verkaufs 
Hätten viel bedeutender. 
Es waren deren 55.392 in den fechzehn privilegirten Gouvernements der 
Provinzen des Weftens, in Klein- und Neu-RufSland, ungefähr50oo in den baltifchen 
Provinzen und 2200 in den Gebieten der Kofaken des Don. 
Diefs macht für ganz Rufsland zufammen mehr als 93.000 Verkaufsftätten. 
Nach Einführung des Syftems der Accife hat fich diefe Anzahl auf das 
Doppelte gefteigert, und zwar in den grofsruffifchen Gouvernements, und weiter 
zugenommen bis zum Jahre 1865, in welchem die Ziffer von 80.962 erreicht 
worden ift. 
Von diefem Zeitpunkte angefangen ift eine Herabminderung zu conftatiren, 
und betrug die Zahl im Jahre 1871 nur mehr 64.799. 
In den Ländern der Kofaken des Don kann man ebenfalls anfangs eine 
Zunahme conftatiren; es flieg die Zahl der Schänken auf das Doppelte, fo dafs 
1864 fchon 4011 beftanden; fodann kommt eine fucceffive Verminderung bis zur 
Ziffer 2183. 
Diefelbe Thatfache kann man auch in den fogenannten privilegirten Gouver 
nements und in den baltifchen Provinzen bemerken; in den erfterengab es im Jahre 
186367.743, im Jahre 186482.320 und im Jahre 1871 67.967 Schänken, in den 
baltifchen Provinzen im Jahre 1863 7386 , im Jahre 1864 7206 und im Jahre 1871 
5066 Schänken. 
Wir bekommen daher für ganz Rufsland im Jahre 1863 137.744, im Jahre 
1864 172.439 und endlich im Jahre 1871 eine Anzahl von 139 970 Schänken. 
Diefe Zahlen find leicht zu erklären.
	        
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