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Dr. Erasmus Schwab.
Das portugiefifche Schulhaus.
Dem meeranwohnenden Volke der Portugiefen gebührt die Ehre, alsVer
treter der Romanen durch die Aufftellung eines Schulhaufes feine Achtung vor
der Bedeutung der Volkserziehung Ausdruck gegeben zu haben. Auch leuchtete
unverkennbar aus dem vorgeführten Objedle das Streben nach jenem Fortfehritte
hervor, für welchen die im Schulwefen tonangebenden Staaten jedem ftrebfamen
Lande heutzutage Erprobtes und Verläfsliches zu bieten vermögen.
Das portugiefifche Schulhaus, ein im gefälligen Blafsgrün gehaltener Holz
bau, war eines der freundlicheren Gebäude der Ausftellung. Ueber der Oftfeite
des langgeftreckten Erdgefchoffes erhob fich thurmartig ein behaglicher, flock*
hoher Auffatz, der allerdings für die Befucher des Haufes nicht zugänglich war.
Die Seitenwände hatten je drei, die Hauptwände je fünf Fenfter, hoch, aber
ungewöhnlich fchmal. Drei Eingänge führten in das Haus, von denen zwei, für
die Gefchlechter getrennt, fich in die den Schulzimmern vorliegenden Garderoben
öffneten. Das erfte kleine Zimmer mochte man fich als weibliche Arbeitsfchule
denken, während das gröfsere eine Schulflube vorftellte. So wenig jedoch das
Gebäude ein Schulhaus war, fo wenig war der grofse Gelafs ein Schulzimmer.
Die Beleuchtung kam von zwei entgegengefetzten Seiten, alfo falfch und in ganz
unzureichendem Mafse. Das Zimmer enthielt nicht die vollftändige Einrichtung
einer Schulflube, fondern nur einzelne Einrichtungsftücke, dazwifchen auf Tifchen
einzelne Lehr- und Lernmittel, endlich Arbeiten von Schulkindern. Die Bänke,
(welche unter den Subfellien befprochen werden füllen) zeigten, dafs man fich in
Portugal um das kümmert, was neuerer Zeit auf diefem Gebiete der Schuldiädetik
geleiflet wird, und fie hätten noch vor vier Jahren, bis auf die verunglückten
Sitze, für ganz gut gegolten. Leider war der Faffungsraum des Zimmers nicht
angedeütet. Eine Ventilation war nicht an dem Haufe, fondern nur auf den Ab
bildungen an der Wand fichtbar und befchränkte fich darauf, dafs die oberen
Fenfter fich um eine horizontale Achfe drehen laffen; die Regulirung des Tages
lichtes war nicht angedeutet.
Mehrere Photographien an den Wänden bewiefen, dafs einzelne grofse
Stadtfchulen Portugals ganz annehmbar eingerichtet find, und dafs eine wohl-
thätige Gährung auf dem Gebiete der Volkserziehung nicht allzu lange mehr
ausbleiben wird.
Aufser einzelnen Lehrbüchern und amtlichen Berichten enthielt das „por
tugiefifche Schulhaus“ wohl manches für den Schulfreund und Culturhiftoriker
intereffante Material, das aber ein zuverläffiges Urtheil über das portugiefifche
Volksfchulwefen nicht geftattete. Vor Allem trat als Hörender Fehler in diefem
Unterlichtspavillon hervor der Mangel an reinlicher Abgrenzung der verfchie-
denen Kategorien von Schulen, aus welchen hier ein ziemlich buntes Nebenein
ander zur Schau geftellt wurde. Darum war es unmöglich, zu unterfcheiden, was
die Volks-, was eine höhere Schule vorftellen füllte, was die Stadt-, was etwa eine
Landfchule, was die Knaben-, was die Mädchenfchule. Im Gegenfatze zu den
Schulhäufern der Germanen trat — fehr charakteriftifch — der confeffionelle
Charakter der portugiefifchen Volksfchule an den Abbildungen von Schulhäufern
hervor. Diefer Charakter allein wäre allerdings ausreichend, um die breite Kluft
zu erklären, die heute noch die portugiefifche Schule von den ausgeftellten
Schulen der Germanen trennt.
Die Schönfchriften und Zeichnungen der Kinder waren forgfältig und
nett ausgeführt; doch mufste die Wahl vieler Vorlagen für das Freihandzeichnen
beanftandet werden, während für das geometrifche und perfpetftivifche Zeichnen
nach franzöfifchem Mufter ganz fchätzbare Modelle auflagen. Die geographi-
fchen Kartenwerke waren brauchbar und entfehieden beffer als die fpanifchen.
Freilich, welcher Unterfchied zwifchen den Lehrmitteln für Heimatskunde in
Portugal und dem fo weit nach Norden hinausgefchobenen Schweden