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Dr. R. Perkmann.
weiteren Unterricht in der Geographie wird die Beziehung des Menfchen
zur Erde zu einem Hauptgefichtspunkte, welcher ohne näheres Eingehen auf
die Gefchichte nicht verftändlich ift.“ Nachdem der Verfaffer des „Entwurfes“
diefe Grundthefis der Ritter’fchen Geographie, wenn auch ganz am Unrechten
Platze und in unrichtiger Form, herangezogen hat, fucht er die Nothwendigkeit
der Verbindung des gefchichtlichen und geographifchen Unterrichtes durch den
Beweis zu kräftigen, „weil in den Lehrplänen der Schulen gewöhnlich die
diefen beiden Gegenftänden gewidmete Zeit gemeinfam angefetzt ift“ ! !
Ein felbftftändiger Unterricht hat nach dem Entwürfe für die Geographie
nur in der unterften Claffe des Untergymnafiums ftattzufinden, wobei eine „über
fichtliche Befchreibung der Erdoberfläche nach ihrer natürlichen Befchaffenheit:
Meer und Land, Gebirgszüge und Flufsgebiete, Hoch- und Tiefländer u. f. w., zu
geben ift. Damit zu verbinden ift das Wichtigfte aus der Eintheilung derfelben
nach Völkern und Staaten. Gelegentlich können biographifche Schilderungen
angeknüpft werden als Vorbereitung des hiftorifchen Unterrichtes“. Welche
mageren Refultate in einem einzigen Jahre und bei den Schülern der unterften
Claffe über ein folches Penfum erreicht werden mögen, braucht nicht erft hervor
gehoben zu werden, und „auf Grundlage der in der erften Claffe bereits gelernten
allgemeinen Umriffe“ wird in den folgenden Claffen nur ein geographifcherUeber-
blick des Landes gegeben, welches gerade im gefchichtlichen Penfum zu behan
deln ift. Im Obergymnafium befchränkt fleh die Anforderung an den geogra
phifchen Unterricht darauf, „dafs ein ficheres Wiffen der hiezu“ (zur Gefchichte)
„nöthigen geographifchen Verhältniffe mit dem hiftorifchen Unterrichte in Ver
bindung zu flehen hat“. „Die geographifchen Kenntnilfe werden aber im Ober
gymnafium dadurch gefichert, indem von jedem im Verlaufe der Gefchichte vor
kommenden Orte feine Lage beim Vortrage an der Wandkarte gezeigt und die
Angabe derfelben bei der Wiederholung vom Schüler verlangt wird.“ Und als
follte die Geographie nichts Anderes enthalten, als eine dürre Lifte von Namen,
fügt der Entwurf den Troll und die Beruhigung hinzu: „Wenn der geographifche
Unterricht in der Verbindung mit der Gefchichte auch ein Paar einzelne
Namen weniger einprägen follte, als bei felbftftändiger, abgefonderter Behand
lung, fo wird dagegen das, was gelernt wird, durch die Verbindung, in welche es
unmittelbar tritt, zu einem fefteren Eigenthum der Schüler, das fleh dann leicht
genug bei Gelegenheit im Speciellen erweitern läfst.“
In diefem Punkte leidet der fonft einen wefentlichen Fortfehritt bezeich
nende Organifationsentwurf vom Jahre 1849 noch an dem „altererbten Uebel-
ftande“, dafs der Unterricht in der Geographie demjenigen in der Gefchichte
beinahe vollftändig untergeordnet blieb. Die oft genug und rafch wechfelnden
geographifchen Daten der Staatengefchichte follten den Mafsftab bilden für die
auf dauernderen Verhältniffen bafirende allgemeine Geographie. Die Erdkunde,
die weltumfaffende, follte fich nur in den engeren Kreis der Kunde einzelner
Staaten einzwängen. Der Hemmfchuh, welcher hiemit der Geographie angehängt
wurde, war um fo fchwerfälliger und fchmerzlicher zu empfinden, als das Studium
und die didaktifche Behandlung der Gefchichte in den öfterreichifchen Schulen
damals felbft noch fehr Vieles, wenn nicht Alles zu wünfehen übrig liefs, als es
felbft den rechten Boden für feine Entwicklung erft fchaffen mufste. Dafs auf
folcher Grundlage für die Geographie kein Gewinn zu erzielen war, konnte nicht
zweifelhaft fein. Und wenn in der darauffolgenden Periode gleichwohl an ein
zelnen öfterreichifchen Lehranftalten ein Auffchwung diefer Disciplin zu verzeich
nen ift, fo ift diefs wenigftens theilweife dem Umftande zuzufchreiben, dafs diefe
und jene Lehrer der Gefchichte, von dem Organifationsentwurfe abfehend, beim
eigentlichen Unterrichte in der Geographie nach Grundfätzen vorgegangen find,
welche weniger in der Staatengefchichte als in den natürlichen Verhältniffen unfe-
res Planeten ihre Wurzel haben.