Geographifche Lehrmittel.
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dürfen. Was aber heute noch facultativ ift, das wird mit der Zeit hoffentlich
nicht blos für die Realfchule, fondern auch für das Gymnaüum obligatorifch
werden, wenn es nicht fchliefslich gar dahin kommen follte, dafsfür die Geographie
vollends eine eigene Gruppirung angeordnet wird.
Der fpecielle Lehrplan für die Realfchule ift demjenigen für das Gymna-
fium ähnlich, nui foll hier auch auf die gewerblichen und commer-
c i eilen Verhältniffe und Beziehungen derStaaten befonders Rückficht genommen
werden. In der Phyfik wird als Lehrziel angegeben: für die unteren
Claffen eine „durch das Experiment vermittelte Kenntnifs der leichtfafslichften
Naturerfcheinungen und ihrer Gefetze“, für die oberen Claffen:
„Verftändnifs der bedeutendften Naturerfcheinungen und Naturgefetze,
durch den elementar-mathematifchen Beweis gefichert; ferner Anwendung
diefer Lehren auf das Gefammtbild derErde, als eines aus Natur
körpern zufammengefetzten, einheitlichen, gefetzmäfsig ent
wickelten Ganzen“. Aus der Naturgefchichte, die, wie die Phyfik, abgefehen
von ihrer fonftigen Selbftftändigkeit, als eine unerläfsliche Hilfswiffenfchaft für
die Erdbefchreibung und Erdkunde angefehen werden mufs, weist der Lehrplan
für die VII. Claffe u. A. Geognofie und Grundzüge der Geologie auf,
verlangt ferner das W i c h t i g ft e aus der K1 i m a t o 1 o g i e, der P h y t o - und
Zoogeographie, oder geographifche Verbreitung der Pflanzen und Thiere.
Zur Heranbildung von Lehrkräften waren früher die „Präparandien“
beftimmt, wo die Schüler in verhältnifsmäfsig kurzer Zeit, fogar in fechs, ja drei
Monaten, fleh alle Kenntniffe aus den verfchiedenen Gegenftänden aneignen follten,
in welchen fie fpäter felbft zu unterrichten hatten Bei der äufserft dürftigen Vor
bildung, welche die Zöglinge in diefe Lehrerfchule mitzubringen pflegten, ift es
begreiflich, dafs damit felbft den befcheidenften Anfpruchen kaum genügt werden
konnte. Bei Lehrern, welche ihre didaktifche und pädagogifche Bildung an folchen
Präparandien genoffen haben und noch jetzt im Lehramte thätig find, darf es
nicht Wunder nehmen, wenn ihnen die Geographie , wenigftens in ihrer neueren
Geftalt, vollftändig fremd ift. Da kann leicht möglich fein, was erft neulich vor
gekommen, dafs ein Lehrer, als ihm von Seite der Schulbehörde eine fogenannte
„ftumme“ Karte von Sydow zum Gebrauche für den Unterricht überreicht wurde,
die claffifche Erklärung abgab : „Solche Karten kann man ja nicht brauchen, es
fteht ja gar nichts d’rauf!!“
Die neu errichteten Bildungsanftalten für Lehrer und Lehre
rinen umfaffen vier Jahrgänge. Der Lehrplan, in der Verordnung des Minifteriums
für Cultus und Unterricht vom 19. Juli 1870 definitiv feftgefetzt, beftimmt den
Unterrichtsgang in derGeographie, wie folgt:
Ziel: Verftändnifs der Karte und des Globus, Kenntnifs der Erdoberfläche
in phyfikalifcher und politifcher Hinficht nach den wichtigften Momenten, ins-
befondere Europas und fpeciell Mitteleuropas; einige Uebung im Kartenzeichnen.
I. Claffe, wöchentlich 2 Stunden. Das Wefentlichfte aus der mathematifchen
und phyfifchen Geographie mit vorwiegender Rückficht auf die nächfte Umgebung.
Heimatkunde. Ueberfichtliche Kenntnifs der Erdoberfläche. Land und Waffer.
II. Claffe, 2 Stunden. Elemente der Völker- und Staatenkunde. Die
europäifchen Länder.
III. Claffe, 2 Stunden. Die aufsereuropäifchen Länder.
IV. Claffe, 2 Stunden. Wiederholung des gelammten Lehrftoffes. Methodik
des geographifchen Unterrichtes in der Volksfchule, insbefondere Anleitung, wie
der Lehrer Heimatkuude zu behandeln hat.
Aufserdem enthält diefelbe Verordnung unter dem Artikel „Naturgefchichte“
die für Geographie wichtige Beftimmung: „Den Schliffs des naturgefchichtlichen
Unterrichtes foll die phyfika 1 ifche Geographie bilden, wobei das in
den verfchiedenen Zweigen des naturwiffenfchaftlichen Wil
lens Gelehrte zufam m e ng ef afs t und die gegenfeitige Bezie-
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