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Full text: Bildende Kunst der Gegenwart (Gruppe XXV), officieller Ausstellungs-Bericht

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Jofef Langl. 
Mit dem feinfühlenden, tief empfindenden Ernft Rietfchel verpflanzten fleh 
die Tendenzen der Berliner Schule nach Dresden. Rietfchel gehört unter den 
1 laftikern diefes Jahrhunderts neben Rauch und Thorwaldfen die nächfle Stelle. 
Sein Talent bewährte fleh an monumentalen Werken ebenfo, wie an Ideal- 
fchöpfungen; überall begegnen wir der edelften Auffaffung , hoher Formvoll 
endung und fcharfer Charakteriflik. Es darf hier nur auf feine unvergleichliche 
Leffingllatue (Braunfchweigj hingewiefen werden, um alle Bedenken gegen den 
Realismus in der modernen Plaftik niederzufchlagen. 
Nicht in demfelben Geifte führt Ernft Hänel die Dresdner Schule weiter. 
Seine Richtung kann wohl keineswegs antikiflrend genannt werden , feinen 
Geftalten ift Anmuth und ein gewiffes Leben nicht abzufprechen : man fühlt aber 
immer den Architekten und den nüchternen Einfluss Genelli’s in feinen Linien, 
die meill fo fchön als langweilig find. Treuer und bei weitem lebendiger bewegt 
lieh Schilling in diefer ftiliflrenden Richtung. Seine vier Tageszeiten, Gruppen 
auf der Brühl fchen 1 erraffe in Dresden, gehören zu dem Bedeutendften. was die 
moderne Plaftik aufzuweifen hat. Auch fein für Wien beftimmtes Schillerdenkmal 
vereinigt lebensvolle Wahrheit mit edler, monumentaler Würde. 
In München entwickelte Lud. Schwanthaler in der Kunftepoche unter 
König Ludwig feine reiche Thätigkeit und fchuf eine Reihe monumentaler 
Werke, die jedoch vorwiegend in dem Charakter des Decorativen blieben und 
keine felbftftändige Richtung in fleh führten. Die Maffe der Arbeiten und die 
körperliche Hinfälligkeit Schwanthaler’s vereitelten eine gründliche Durchbildung 
dei Form von Seite des Schaffenden und konnte zumeift nur in dem Anlehnen an 
die Antike die fchärfere individuelle Charakteriflik der Geftalten umgangen 
werden. Auch mangelte es der Münchner Schule bis zur Neuzeit an bahn 
brechenden Talenten Schaller, Widemann, Burgger erhoben fleh nicht viel über 
ihren Meifter; der begabtefte aus der Schule Schwanthaler’s war noch der leider 
zu früh verdorbene Hans Gaffer. 
Wie gegenwärtig die Dresdner, nahm zur Zeit die Münchner Schule auf 
die Entwicklung der Plaftik in Wien bedeutfamen Einflufs. Gefchickte Deco- 
lateuie find auch die Wiener Bildhauer von Klieber an geblieben; dafs fleh aber 
tiotz mancher ausgefprochener Talente die Wiener Schule zu keiner Bedeutung 
erheben konnte und felbft bis heute noch, wo in den letzten Jahren doch ein 
legeies Leben in die Kunftverhältniffe fuhr, jede gröfsere Aufgabe im Auslande 
beftellt werden mufs, hat feine Urfachen in ganz localen Verhältniffen, deren wir 
bei Befprechung der öfterreichifchen Plaftik auf der Weltausftellung en paffant 
gedenken wollen. 
Es ift ein charakteriftifcher Zug unferer modernden Zeit und gerade der 
Gegenwart, dafs in dem Strome der materiellen Tendenzen, in welchem fleh der 
Veltgeift bewegt, mehr als in einer anderen Epoche den Saiten der Lyrik 
gelaufcht wird, und gerade in der Kunft das Seelifche, Naive, „was zum Herzen 
geht , weit mehr Beifall findet, als das wahrhaft Grofse, Erhabene und Ernfte. [e 
mehr fleh die Gedanken im realen Leben über den Horizont der Vergangenheit 
emporfchwingen und geradezu jedes Gefühlsleben verläugnen, defto empfäng 
licher zeigt fleh der Geift dafür in der Idealwelt der Kunft. Sie ift zum Afyl des 
Seelenlebens geworden; das Begegnen entwöhnter Stimmungen ruft uns zum 
Beifall: wir freuen uns, die Poefie des Dafeins in Bild und Wort und Tönen zu 
geniefsen, da uns das Leben felbft nur fpärlich diefe bietet; zu rafch verwifcht 
die farbenreiche, bunte Welt oft fchön Empfundenes, die Kunft erweckt in ihren 
Bildern wieder die Erinnerung und erhält, wenn auch nur in Schattenträumen, 
was uns in der Welt fremd geworden. Defshalb find auch diejenigen Künfte, in 
welchen die lyrifchen Wellen am tiefgreifendften fchwingen, dem Volke am 
fympathifchften und heutzutage die beftgepflegten. Hierin fleht denn obenan die 
Mufik. Sie ift für unfere modernen Kunftverhältniffe im Allgemeinen ein Fadlor. 
der für die Wandlung des Gefchmacks, felbft in der bildenden Kunft, von hohei
	        
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