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Full text: Bildende Kunst der Gegenwart (Gruppe XXV), officieller Ausstellungs-Bericht

Die Sculptur. 
Bedeutung ift. Die Mufilc ift heute Gemeingut aller Welt, ihr Cultus in den gebil 
deten Kreifen ein über alle anderen Künfte dominirender. In der Melodie ent 
fliehen die Gedanken am leichteilen und angenehmflen dem trockenen Boden 
des Lebens, und feit Claviere erfunden find, wen foll es Wunder nehmen, wenn 
Euterpe in den Kreis der Familie tritt und allen anderen Mufen den Platz ilreitig 
macht? Wir fehen es in der Literatur und wir fehen es in der Malerei, wo Mufik 
gefchrieben oder gemalt wird, ift der Beifall. Und welche Stellung nimmt diefer 
Welt gegenüber die Plailik ein? — Soll fle — kann fie diefer allgemeinen Strö 
mung folgen? Kann fie ihrer Wefenheit nach überhaupt heute mehr mit ihren 
Schwefterkünften um die Gunft des Publicums in dem Mafse concurriren, dafs fie 
wieder zu jener Stellung und Bedeutung gelangt, wie einft im Alterthume oder 
felbft in der Renaiflance, ohne auf Abwege zu gerathen? 
Es war auf der Weltausftellung 1873 der kleine „weinende Knabe“ von 
Guarniero, der vom Publicum tagsüber fchaarenweife umftanden und nicht 
weniger als einundzwanzigmal bei dem Künftler beftellt wurde, den Plaflikern 
wohl ein Warnungszeichen, aber zugleich ein Fingerzeig für die Zukunft. 
Soll die Kunft leben, fo bedarf fie des Beifalls; denn kein Künftler ifl; der 
irdifchen Bedürfniffe ganz entbunden und kann nach den olympifchen Höhen 
wandern, um von den Göttern Nektar für fein Dafein zu erhalten : er ifl gezwungen 
und wird in der Regel von dem Zeitgeifle unbewufst mitgezogen, fleh dem herr 
fchenden Gefchmacke, der aus gar vielen und mannigfachen Quellen feine Färbung 
bezieht, zu accommodiren. 
Wenn das Publicum den italienifchen Sculpturen auf der Ausftellung vor 
allen anderen, viel edleren Werken Beifall zollte, fo darf diefs weitaus nicht als 
eine Verirrung des Gefchmacks betrachtet werden, welcher der denkende Künft 
ler opponiren foll: nicht der Plohlheit der Vorwürfe galt der Beifall, nicht den 
flnnlichen Reizen, welche eine Anzahl der Statuen wohl zur Schau trug, fondern 
allein der Vollendung und Wahrheit der Formen — dafs die Geflehter nicht leblofe 
Ornamente, das heifst feelenlos-antikiflrend, fondern individuell-charakteriftifch 
waren, dafs man im Antlitz, dem Spiegel der Seele, auch Reflexe von Empfindun 
gen wahrnahm, die, wenn auch nicht der Ausdruck bedeutungsvoller, tieffinniger 
Ideen waren, immerhin aber das Vorhandenfein eines Gefühlslebens zur Erfchei- 
nung brachten. Es ifl; nicht abfolut nothwendig, dafs die Plaflik ihre Vorwürfe 
von der Strafse und aus der Kinderltube hole, man ahme darin nicht die Italiener 
nach; Gefühlsleben, was vor Allöm die Welt heute in der Kunft fucht, begegnet 
auch in Geftalten höheren Ranges, deren Verkörperung der Würde der Plaflik 
angemeffen ifl, aber man verfuche, Seelen in der Weife durch die Form wieder 
zugeben, wie die Italiener ihre meift harmlofen Gedanken zum Ausdrucke zu 
bringen fliehen, in der Wahrheit, die in der greifbaren Form, wie in den abftradten 
Regionen des philofophifchen Denkens nur vom Realen, der Natur ausgehen 
kann. Gerade das Volk der Denker, die Deutfchen, follten deiv Hauptzug ihres 
nationalen Charakters, das Ausprägen des Geiftig-Individuellen am Wenigften in 
der Maske des griechifchen Geflehtes verläugnen und in der Ohnmacht eines 
immerhin bewunderten Zeitalters deflen Gröfse nachahmen wollen. Das Erhabene 
foll nicht auf Koften der Wahrheit erftrebt werden; es wird kein Vorwurf dem 
Kunftwerke fein, wenn es in der Wahrheit reizt: das Edle braucht nicht verloren 
zu gehen, wenn das Weib in feiner Weiblichkeit dargeflellt wird und die Former, 
die Täufchung der platonifchen Liebe bewahren; darin beruhe ja gerade der 
Stolz der Kunft, im Sittlichen der Welt Gleichniffe der Vollendung vorzulegen, 
flie fie in ihrem organifchen Leben nur durch die Gefetze der Moral erftreben 
kann. Die Kunft fei aber nicht blos ein Spiegel der phyflfehen Erfcheinungen 
ihre weitaus höhere Aufgabe liegt in dem Refledtiren des Seelenlebens ; fle greife 
in den Formen weder über die phyflfehen Gefetze der Natur hinaus, noch flieht- 
fle in einem trockenen Idealismus dem Leben läuternde Bilder vorzulegen, die 
dem heutigen Empfinden mehr weniger unverständlich find. Nur auf diefem
	        
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