Die Sculptur.
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Erwähnen wir noch achtungsvoll Kopfs „Amor und Pfyche“ (Marmor
gruppe, Kunfthalle) und bleiben am Südeingange, wo wir noch M. Schulz’s
Berlin) Gypsgruppe „die Nacht als Charitas“ finden. In dem Schoofse der
fitzenden weiblichen Geflalt fchlummern zwei allerliebfle Knäblein, gefchützt von
dem Mantel der Ruhefpenderin; der Eindruck der Gruppe war ein durchwegs
edler und mufste nur wieder bedauert werden dafs für fie kein ruhigeres,
ftimmungsvolleres Plätzchen gefunden wurde. Voll Anmuth und Leben waren
Ferdinand Miller ’s jun. (München) „Indianerbube“ (Kunfthalle) und W. Engel
hard t ’s (Hannover) „Schleuderer“. Letztgenannte Gruppe, deren Original in der
Kunftfammlung zuDarmftadt fich befindet, gehört zu den Perlen unter des Meifters
Werken und ift durch die Vervielfältigung wohl allenthalben bekannt.
F. Miller’s Figuren für einen Brunnen in Cincinnati find fchön; bewegt
und originell erfunden, nur etwas roh in der Ausführung.
A. Donndorf (Dresden) hatte das. Modell des Reiter-Standbildes des
Grofsherzogs Carl Auguft von Weimar (in Gyps, Südeingang der Kunfthalle) aus-
geflellt, welches, edel aufgefafst, fich in hübfchen Linien aufbaute; das Werk war
jedoch zwifchen den zwei Pfeilern fo unglücklich placirt, dafs es zu keiner Gel
tung gelangen konnte. Donndorf (ein Schüler Rietfchel’s) hat jüngft bei der
Concurrcnz um die Ausführung des Corneliusdenkmals (in Düffeldorf) den Sieg
errungen und auch diefs Werk bereits übernommen.
Was von den deutfchen Bildhauer-Profefforen, das heifst von den Meiftern,
die zugleich an Kunftfchulen als Lehrer thätig find, ausgeflellt war, gibt wenig
Anlafs zu kritifchen Erörterungen über die Tendenzen der deutfchen Plaftik.
Sie waren fammt und fonders nur nothdürftig vertreten; zumeifl mit älteren
bekannten Werken. Friedrich D r ak e (Berlin) hatte neben einigen kleineren
Objekten die Statue feines Meifters „Ch. Rauch“ ausgeflellt (Wefteingang);
ein Werk voll edler, würdevoller Auffaffung, welches neben den franzöfifchen
Bronce- und Marmorarbeiten im fchlichten Gypsabgufs in der Ausflattung wohl
etwas armfelig ausfah; defsgleichen ging G. Kaubert’s (Frankfurt) „Eva“
(nebenan) durch das nüchterne Material und die zerftreute Beleuchtung verloren.
Die Figur mit dem obligaten Apfel und der Schlange am Baumflamme bot auch
kein befonders neues Motiv; defsgleichen konnte den anderen Arbeiten des
fonfl verdienftvollen Meifters kein weiteres Intereffe abgewonnen werden.
Kaubert’s fchönfte weibliche Geflalt bleibt denn doch immer feine „Loreley.“
Auguft Wittig’s (Düffeldorf) „Hagar und Ismael“ (Marmor, Mittelfaal)
war wohl in der Form und vorzüglich in den nackten Theilen mit viel Empfindung
durchgebildet, liefs aber im Ganzen kühl; dasfelbe gilt auch für M. Wide
rn a n n’s (München) jugendlichen „Hermes“ (Marmor, Kunfthalle), der immerhin
anmuthig bewegt war, aber eigentliches Leben vermiffen liefs. In ähnlich ftilifir-
ter Manier hielten fich die Arbeiten Emil W olff’s (Rom), von denen eine „Judith“
(Marmor, Mittelfaal) ganz hübfche Einzelmotive befafs, die leider nur wieder
durch das zu forgfältige akademifche Arrangement der Lebendigkeit der Figur
Eintrag thaten. Des Künftlers „trauernde Pfyche“ (Kunfthalle) erinnerte in ihren
glatten, eleganten Formen an die belle Zeit Canova’s. Weit Lebensvolleres
begegnete uns in Albert W ollf’s (Berlin) neueften Arbeiten, die in den Seiten-
nifchen des Hauptportales der Rotunde aufgeftellt waren, nämlich die Statuen
der „Juftitia“ und der „Kunft und Industrie“ (Bronce) für das Piedeftal des Monu
mentes König Friedrich Wilhelm’s III. im Luftgarten zu Berlin. Befonders letztere
Gruppe imponirte durch grofsartige Auffaffung und virtuofe technifche Voll
endung.
Als ganz fchöner Gedanke ift B. A fi n g e r’s Marmor Grabmal (Hochrelief,
Südeingang der Kunfthalle) zu bezeichnen. Eine edle Frauengeftalt fchreitet aus
der Pforte der Gruft die Stufen hinab und blickt bedeutungsvoll in die Ferne.
Die tektonifche Einrahmung der Figur verlangte wohl eine ftilvollere Behandlung
der Formen, was dem Künftler befonders in der Draperie meifterhaft gelungen