MAK

Full text: Bildende Kunst der Gegenwart (Gruppe XXV), officieller Ausstellungs-Bericht

Die Malerei. 
J 9 
Ich möchte es unter den gegenwärtigen Umftänden faft für ein Glück halten, 
dafs die monumentalen Aufgaben jetzt ausbleiben und die Kunft, die vorerfl 
anderweitig mit fich zu thun hat, durch folche Aufgaben nicht genöthigt wird, 
ihren Stil zu forciren, ftatt ihn naturgemäfs zu fteigern. Ich finde im Allgemeinen 
die deutfche Kunft auf dem richtigen Wege. Er geht darauf hinaus, Ernft und 
Gründlichkeit in die realiftifchen Beftrebungen zu bringen. 
Man hat früher zu kühn in die Spitze hinaufgebaut, jetzt forgt man für eine 
breitere Bafis. Die kleineren Gattungen, die früher auch in jedem Sinne klein 
behandelt wurden, füllen fich mit Leben und Inhalt. Das gefundefte Mittel gegen 
die Abirrung ins Gedankenhafte, der Sinn für das Charakteriftifche, lebensvoll 
Bezeichnende tritt immer kräftiger und bedeutungsvoller hervor. Die grofsen 
dominirenden Erfcheimtngen, welche die Strömung des Kunftlebens nach grofsen 
Richtungen theilen, zufammenfaffen und lenken, find wohl in unferer Epoche aus 
geblieben, aber wo fänden fie fich jetzt auch fonft? Was aus der Reihe tritt, trägt 
weniger den Stempel der vollen Genialität, als den des fogenannten „glänzenden 
Talentes“, das aus der Umgebung hervorleuchtet, ohne fie aber geiftig fo recht 
zu beherrfchen. Es fcheint überhaupt ein Kennzeichen unferer Epoche zu fein, 
dafs wir uns mit diefem Surrogat des eigentlich Grofsen, mit dem „Glänzenden“ 
begnügen müffen und nach der vorherrfchenden Gefchmacksrichtung felbft ganz 
gern damit begnügen. 
Wenn wir Alles zufammennehmen, fo tritt die deutfche Kunft, wie fie fich 
uns in einem umfaflendenUeberblicke auf der Weltausftellung zeigte, in der Breite 
Achtung gebietend, ja imponirend auf, freilich ohne fich zu einer bedeutenden 
Höhe emporzugipfeln. Am wenigften können wir erwarten, dafs fich jetzt fchon 
ein neuer Gipfel in ihr emporhebe. Wohl aber tritt uns die Tüchtigkeit des künft- 
lerifchen Könnens, der techr ifchen Gelchultheit vielfacher vertheilt und ausge 
breitet entgegen, als es je früher der Fall war. Wir können es nur mit Freuden 
begrüfsen, jene Grundeigenfchaft, die der Solidität der deutfchen Stammesart ent- 
fpricht, auch in der Kunft fo reichlich vertreten zu finden. 
EinMoment, welches dasVorwort zum deutfchen Katalog gleichfalls hervor 
hebt, erfordert auch im Verlaufe diefer allgemeinen Charakteriftik unfere Beach 
tung. Es ift diefs die Wahrnehmung, dafs der fpecielle Typus der früheren ent- 
fcheidenden Kunftfchulen, nämlich der Münchener und Düffeldorfer, fo gut wie 
verfchwunden ift und auch in anderen Hauptfitzen deutfcher Malerei, die neu 
hinzukamen, fich ein folcher gemeinfamer Typus nicht weiter gebildet hat. 
München ift der „Vorort einer fehr regen coloriftifchen Schule“ geworden, die 
von den früheren localen Traditionen völlig abweicht und zunächft auf dieThätig- 
keit Carl Piloty’s, welcher zu Anfang der fünfziger Ja re an der dortigen Aka 
demie zu wirken begann, zurückzuführen ift. Franzöfifcher Einflufs drang da 
fichtlich herüber, obgleich diefe neueren coloriftifchen Beftrebungen nicht auch 
in gleicher Weife gegen den Stil die Kühnheit, Lebhaftigkeit und Eleganz des 
Vortrages eintaufchten. Düffeldorf übt keinen akademifchen Einflufs mehr in 
beftimmter Richtung; es ift nur noch ein Colletftivname für die verfchiedenften 
individuellen Tendenzen, höchftens durch die Pflege der Landfchaft und dann 
des Genrebildes in geiftreicherem Sinne nach Knaus’ und V autier’s Vorgang 
'fich neu hervorthuend. Das Dresdener Kunftleben hat aufser einer durch 
fchnittlichen, gemäfsigten Zahmheit nichts befonders Bezeichnendes; Frankfurt 
am Main, Carls ruhe, Stuttgart bilden locale Kunftniederlaflungen, in denen 
auch kaum entfcheidende Schuleinflüffe hervortreten ; eine fehr namhafte Künftler- 
gruppe, auch noch nach Genelli’s Hinfeheiden bedeutend, vereinigt in fich Wei 
mar, wo, wie einft für unfere claffifche Literatur, ein glückliches, wenn auch 
minder hellglänzendes Geftirn zu leuchten fcheint. 
In Berlin geht bei wachfender Mannigfaltigkeit der Kunftbeftrebungen 
immer mehr der grofse hauptftädtifche Charakter hindurch, beiläufig fo, wie wir 
ihn auch in Wien fanden : ein refolutes Herausgehen der Kunft in ftärkere Wir-
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.