Die Malerei.
21
niren, wie es früher bei den fchwächlichen Nachzüglern der ftiliftifchen Richtung
der Brauch war. Einen bezeichnendenPinfelftrich voll Beftimmtheit und deutlichei
Energie führt da der ältere Berliner AdolfMenzel, immer mit der Abficht auf das
Auszudrückende, nicht auf die finnliche Wirkung der färbe. Freilich gibt es von
da herab auch manche Abftufungen bis ins Trockene, vor dem nur eine fo bedeutende
künftlerifche Perfönlichkeit glücklich zu bewahren vermag.
Nach diefen allgemeinen Bemerkungen wäre es an der Zeit, auf die ein
zelnen Gattungen und die Pflege, deren fie fich gegenwärtig in der deutfchen
Malerei erfreuen, in Kürze einzugehen.
Aus herkömmlichem Refpebl beginnt man gewöhnlich mit der 1 e li g 1 ö e n
Hiftorie, die auf dem geräufchvollen Felle der Arbeit und Induftrie freilich ein
etwas allzu feierlicher und fremder Galt war. Adalbert Begas aus Beilin biachte
„eine Mutter mit demKinde“ in edlem claffifchen Gefchmack gemalt, obgleich dei
Madonnencharakter da etwas zweifelhaft ift; Erich Correns in München zeigt
in feiner „heilige Familie“ viel Anmuth und Feinheit der Empfindung, und Cai
Müller in Düffeldorf hat in feiner „Ruhe auf der Flucht nach Egypten“ die
Innigkeit Fiefole’s und der Sienefen ohne jede nazarenifche Affedlation unfeiem
Verfländniffe glücklich nahe gebracht. Ein jugendlicher Johannes der Täufei von
Ferdinand Schaus in Berlin erinnert nicht eben zu feinem Schaden ftaik an
Murillo; das Bild „Noli me tangere“ von Bernhard Plockhorft in Beilin, fc ion
von früheren Ausftellungen bekannt, ift edel, aber wohl etwas zu modern empfunc en.
Sehr würdevoll vertritt das alte Teflament ein „Abraham mit den drei Engeln
von Ne he. „Das letzte Abendmahl“ von Eduard von Gebhardt in Düffeldoi .
ein fonfl fehr wackeres Bild, macht dagegen ganz den Eindruck, als ob dei Künftler
den hiftorifchen Jefus flatt des mythifchen Chriftus im Kreife feiner Jüngei
hätte malen wollen. Auch diefen ift jeder ideale Reflex benommen, den dei
Heiligenfehein und die Tradition über ihre Typen verbreitet hat.
Ein Verfuch folcher Art, die heiligen Stoffe ins Nüchterne und Reahltifche
hinüberzuführen, nachdem die Kraft, fie in idealem Sinne weiter zu geflalten ausgegangen
ift, fcheint mir verfehlt. Für dieKunft find die durch Jahrhunderte duichgebildeten
Typen des chriftlichen Geftaltenkreifes, die fortgefetzte malenfche Arbeit
an diefen Idealen, an der fleh die gröfsten Künftler betheiligt haben, die nachite
unleugbare Thatfache. Kann man in diefer Richtung weiter empfinden unc jene
Geflalten neu zur Anfchauung bringen, nun fo male man fie getroft aufs Neue , wenn
nicht — fo künftle und rücke man nicht an diefem traditionell gefchloffenen x-iei e.
Ich fage diefs keineswegs aus religiöfem Standpunkte, der mir perfönlich ganz fern
fteht, fondern rein in künftlerifchem Sinne. Wie fleh das Chriftusideal und dieApofteltypen
bis auf Leonardo daVinci’s Abendmahl und die Tapeten Raphael s hinab
entwickelt haben, das wiffen wir genau : es find Geftalten, die nicht blos ein g äu
biger Wahn, fondern künftlerifche Begeifterung erzeugte, Geftalten, die, um ein
Goethe’fches Wort hier anzuführen, „ewig find, weil fie find*. Von dem wirklichen
Jefus und den wirklichen Jüngern haben wir ohne Vermittlung jener Kunfttradition
abfolut keine plaftifche Vorftellung ; die heiligen Gefchichten fo etwa im Sinne des
modernen hiftorifchen Genres verfinnlichen zu wollen, führt wieder zu einer
realiftifchen Fidlion, die noch weit mehr in der Luft hängt, als alle Heiligenmalerei
felbft mit dem fchwülftigften Wolkenapparate. Es ift ganz dasfelbe, als ob
ein griechifcher Bildhauer verflicht hätte, die Götter des Olymps nach der euhemeriftifchen
Auffaffung der Mythen als ordinäre Menfchen darzuftellen.
Von gröfserem Intereffe, als wir es der religiöfen Hiftoiie entgegen rin
gen, von einem Intereffe, in welches fleh auch der fcharfe Reiz der Streittrage
mit einmifcht, ift für uns allerdings die profane'Gefchichtsmalerei, dei
wir uns jetzt zuwenden.
Diefe Gattung hat auch fo ihre kleine Gefchichte für fich, namentlich was
die hiftorifchen Stoffe betrifft, die an die jeweilige Tagesordnung des Malens