Dr. Jofef Bayer.
2Ü
nicht als ein froRiges Gedankenprodukl auf, fondern Reigert fich im Ausdrucke,
wie in der Compofition zu einer tieferen , pathetifchen Wirkung.
Die fmnreiche Perfonification des „Märchens“ von demfelben Meifter
führt uns auf diefes Gebiet hinüber, das auch, freilich nur nebenher , auf der
deutfchen Ausftellung vertreten war. Aber das Märchen felbfl blickt uns nicht
mehr mit feinen rührenden Kinderaugen aus der altklugen Technik diefer
Bilder an. Die Zeit iR vorüber, wo Schneewittchen , Afchenbuttel und die
fchöne Melufine mit zarten, fchmiegfamen Leibern, mit leichtem, zierlichem
GeiRertritt in den wunderfamen Aquarellcompofitionen von Moriz Schwind,
wohl auch von Eugen Neureuther an uns vorübergeführt wurden. Die RealiRen
lind keine guten Märchenerzähler: fie verfetzen die Traumwelt der Fee Mab ins
helle beRimmte Tageslicht und geben ihr den Anfchein einer genreartigen Wirk
lichkeit, welche die zartgewobene Poefie des Märchens völlig zerRört. Befonders
ifl dies bei Piermann Kaulbach’s „Hansl und Gretel bei der Hexe“ der Fall.
Auch Bethke in München („Rothkäppchen") verlieht nicht recht zu fabuliren.
Derfelbe Gegenlland von Paul Meyer heim hat die volle Liebenswürdigkeit
feiner übrigen Kindergeltalten in genreartigem Sinne , ob fie nun dem Wolfe im
Walde begegnen oder nicht, aber kaum den eigentlich märchenhaften Zug. Das-
felbe wird wohl auch von feinem „ Afchenbrödl“ gelten. Auch Franz Meyer
heim führt uns in ähnlichem Sinne Schneewittchen und Dornröschen eben nur
als anziehende Genrefiguren vor.
V om Märchen kommen wir auf die L iteraturmale rei, eine Gattung, die
bei uns nie ausgehen will. Im Märchen liegt ebenfowohl ein malerifches, wie ein
poetifches Element: wenn wir fo fagen dürfen, ein fchwimmender Gellaltenzug,
der der Dichtung ebenfo, wie dem Zeichenltift und der delicateren Palette ge
mein ill. Anders ill es um jene Stoffe belleilt, welche den berühmten Partien
der Literatur entlehnt find. Sie repräfentiren eine förmliche Vorfchufsbank für
die unproduktive Malerei. Der momentane Vortheil ifl dabei erfichtlich genug.
Jeder Lefer von einiger Einbildungskraft entwirft fich im Kopfe eine Contour zu
den populären Hauptfiguren unferer Dichtungen. Man weifs beiläufig, wie diefe
1 raumzeichnungen im Kopfe ausfallen , wenn man felbll ein belefener Maler ill.
Man greift in diefen Durchfchnitt hinein und hat fofort ein Bild. Dem Gellal
tungstriebe der Kunll, dem realen ebenfowenig wie dem idealen, ill damit nicht
fonderlich gedient. Zwifchen den Blättern der Bücher Reigen die Figuren nur
fchmal und dünn hervor: das wirkliche Leben mufs ihnen Fülle und Wahrheit,
der eigentümliche ideale Zug der KunR höheren Adel geben; das Leihgefchäft
derLecture, das mitten hinein tritt, nimmt auch eine ZwitterRellung zwifchen
der idealen und realiRifchen Richtung der KunR ein, ohne fie nach einer oder
der anderen Seite hin zu fördern. Ich will hier die einzelnen Bilder, welche der
bezeichneten Gattung angehören, noch keineswegs abfchätzen, wenn ich fie in
einer Reihe aufzähle; jedenfalls find es fehr ungleiche Glieder diefer Reihe. Da
wäre die Scene vor den KäRchen aus den „Kaufmann von Venedig“ von Ferdi
nand Barth in München; „König Alarich’s Begräbnifs nach [Raten“ von
M. v. B e c k e r a t h in Düffeldorf; „die Mutter mit ihrem Kinde an dem Grab-
Reine des Ritters“, nach der Chronik eines fahrenden Schülers von Clemens
Brentano, von Leopold Bode in Frankfurt a. M. ; wieder eine Scene aus dem
„Kaufmann von Venedig“ von Alexander Gierymski; FallRaff in den „luRi-
gen Weibern“ von Wilhelm Lindenfchmidt; dann „F'allRaff mit Dortchen
Lackenreifser“ von Ed. Grützner; „Gretchens Erfcheinung in der Walpurgis
nacht von Gabriel Max; Siegmund und Siegelinde aus Richard Wagner’s „Wal
küre“ von Theodor P i x i s in München; Ophelia, Kränze an die Weidenzweige
hängend, von Roland Riffel in Düffeldorf; das Waldfräulein von Zedlitz von
Paul Martin in München; „Lear mit Cordelia“ von Friedrich Pecht; „Elaien“
nach einer Ballade von Tennyfon von Toby E. Rofenthal; Sufanne aus
„ Figaro’s Hochzeit“ und Gretchen aus „F'auR“ von W. Souchon in Weimar;