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Dr. Jofef Bayer.
deutfchen Malerei. Diefe Gattung ift fchon von früherem Datum; aber ehedem
war fie nur eine Specialität, ein malerifches Studium — jetzt geht fie aus einem
tieferen Triebe hervor und gewinnt dadurch in gefteigertem Mafse an Bedeutung
und Gehalt. Wenn Hamlet einmal fagt, dafs der Bauer dem Hofmanne nun auf
dieFerfe trete, fo könnte man ein ähnliches Wort von der neuen deutfchen Genre
malerei brauchen. Auch die Bauern von Knaus, V a u t i e r, Riefftahl, Det-
regger und Anderen treten mit ihrem höchft realiftifchen Nagelfchuh den vor
nehmen Geftalten des abgeblafsten idealen Stils längft fchon auf die Ferfe. Die
Entwicklung des ländlichen Genres in der deutfchen Kunft hat auch fo ihre
kleine Gefchichte für fich. Als die Düffeldorfer noch ihren ausgeprägten Schul
charakter hatten, traten die Dorf- und Volksmaler der conventionell-fentimentalen
Hauptrichtung der Schule reagirend entgegen. Sie bildeten gleichfam die reali-
ftifch gefilmte Düffeldorfer Linke, die fich von den trauernden Königsföhnen hin
weg dem Leben und Treiben des Volkes zuwandte. Die Meiften diefer Maler
fuchten fich ihre Specialität heraus und ftuclirten fich, wie die Landfehafter in den
Localcharakter gewiffer Gegenden, in eine beftimmte Stammesart und volkstüm
liche Lebensweife hinein. So lieferte Rudolf Jordan regelmäfsig feine Bilder
aus dem Lootfenleben des Nordfeeftrandes; Chriftian Böttcher war im Schwarz
wald, der treffliche J. Becker im Wellerwald und in heffifchen Dörfern zu Haufe,
und fo teilte fich weiter das deutfehe Volksbild nach Gauen und Landsmann-
fchaften. Es wäre da von grofsem Interefle, das aufgefuchte Volksthum und jenes,
aus dem der Künltler hervorgegangen oder in das er fich gemütlich eingelebt
hat, näher zu unterfcheiden. Zwifchendurch nahm das Dorfgenre felbft auch
etwas Conventionell-Sentimentales an. Die Dirndl’n auf dem Kirchgang, die
ländlichen Zitherfpieler in fauberer Sonntagstracht, die Sennerinen, die filmend
ins Abendrot blicken, waren kein fonderlicher Gewinn gegenüber der Schatten
haften Düffeldorfer Wehmut. Daneben Hellte fich auch eine zwar gefündere,
aber ftereotype Gemüthlichkeit der Bauernftube ein, bei der Grofsmutter und
Enkel, Bauernföhne, die als Itramme Soldaten wiederkehrten u. f. w. immer wie
der herhalten mufsten. In der letzten Wendung, die das deutfehe Genrebild
nahm, erhob fich aber die Volks- und Sittenmalerei zu einer ganz bedeutenden
Höhe. Wir müffen fie geradezu als diejenige Gattung bezeichnen, in welcher jetzt
das Herz der deutfchen Kunft am vernehmbarften fchlägt. Man begnügt fich nicht
mehr mit äufserlichen Gruppirungen und anekdotenhaften Motiven; die führen
den Meifter diefes Faches greifen tief in die Volksfeele und fteigern die Schilde
rung derfelben oft zum höchften bezeichnenden Ausdruck, der ins Ganze und
Volle geht. Ein fkandinavifcher Maler der Düffeldorf’fchen Schule, Adolf T ide-
mand aus Mandal in Schweden, ift mit feinen Schilderungen des norwcgifchen
Volkslebens, mit tiefer Empfindung und inniger Befeelung des liebevoll erfafsten
Stoffes in die neue, bedeutendere Wendung des ländlichen Genres eingegangen.
Sein „Norwegifcher Brautzug durch den Wald“, der in der fkandinavifchen
Abtheilung ausgeftellt war, gehört zu den feine Richtung bezeichnenden, wenn
auch nicht vielleicht zu feinen hervorragenclften Bildern. Dort im Norden ift die
Literaturgattung der Dorfgefchichte dem Dorfgenre in der Malerei nachgefolgt;
Björnfon fchildert uns, was Tidemand malt, mit verftärkter Tiefe und Nachhaltig
keit der Empfindung. In Deutfchland tritt erft jetzt fo recht die gemalte Dorf
gefchichte als eine dominirende Gattung auf. Dafs wir zunächft ein Literatur
volk find, zeigt fich auch darin, dafs fleh die entfeheidenden geiftigen Richtungen
im richtigen oder auch im verkehrten Sinne bei uns zuerft literarifch und dann erft
künftlerifch ausfprechen. So folgten auf die Romantiker derFeder die des Pinfels,
auf das Convertitenfieber in literarifchen Kreifen das Nazarenerthum der Malerei,
auf den gelehrten Sammeleifer für das Märchen die Nachdichtung desfelben im
Aquarell, zuletzt auf die Dorfnovelliften die Dorfmaler, obgleich nicht Alle unter
denfelben — fo gewifs nicht der fchlichte Tiroler Bauernfohn Defregger — literarifch
von der gedruckten Dorfgefchichte abhängig fein mögen.