Die Malerei.
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Es thut der deutlichen Kunft gut, dafs fie ganz entfchloffen auf die Wurzeln
unferer Volksexidenz zurückgeht. Sie gewinnt dadurch an Kern, was ihr an
idealer Hoheit, an grofsem Compofitionsfmn einmal fchon abgegangen id. Die
deutfche Kund kann nur da etwas leiden, wo fie gründlich vorgeht: fei es nun
in gründlicher realidifcher Beobachtung oder in gründlicher Durchbildung eines
idealiflifchen Compofitionsgedankens. Auf dem letzteren Wege geht es nicht
mehr; diefe Richtung hat mit Kaulbach’s Tode für lange ausgeredet. Auch kön
nen nur die genialen, die grofsgefinnten Naturen lieh in diefem höheren Sinne
künftlerifch äufsern; die Beobachtung des Lebens, die malerifch und pfycho-
logifch getreue Wiedergabe desfelben ift eine ins Breite gehende Arbeit, in
welche fich die gröfsere Schaar der Talente, die mehr Tüchtigkeit als Schwung
kraft befitzen, mit Erfolg zu theilen vermag. Ludwig Knaus, der allerdings,
mit feinem geiflvoll charakterifirenden Pinfel fein Beltes auf dem Boden der
Volksmalerei leidet, fowie der Waadtländer Benjamin Vautier, der mit der
Illudration zu Immermann’s Oberhof die literarifche Dorfgefchichte zuerd mit der
malerifchen vermittelte, find und bleiben noch immer die genialen Chorführer und
Chormeider diefer Gattung, auf der auch die mittleren Talente bei offenem Auge
und redlichem Eifer mit- und nachgehen können. Die diredte Schuleinwirkung
diefer Meider id vielleicht nicht fo grofs; dedo weiter reichend aber gewifs ihr
mittelbarer, richtungbedimmender Einflufs.
Da die Bilder von Knaus und Vautier auf der Weltausdellung zur gröfsten
Popularität gelangten, fo braucht diefer Bericht, deffen Aufgabe eine Charak-
teridik der Richtungen, nicht blose Bilderbefchreibung id, bei ihnen nicht weiter
zu verweilen; auch was zur Vergleichung der beiden „Leichenbegängniffe im
Dorfe“ zu bemerken wäre, id ein bereits erfchöpftes feuilletonidifches Thema.
Sond theilen fich die Volksmaler zunächll in die Münchene r und Düffeldorfer
Gruppe. In der erderen hatte D efregger, der feinerLandsmannfchaft nach ent-
fchieden in die öderreichifche Ausdellung gehört hätte, eine weitaus überragende,
völlig felbddändige Stellung. Seine Welt id die heimifche Alm und die Tiroler
Bauerndube; nur ausnahmsweife begibt er fich mit feinem-„Preispferd“ unter
baierifche Bauern. Er id ein Volksmaler in dem Sinne, in welchem man von
Volksfängern in der beden Bedeutung des Wortes fpricht. Das Individualifiren
feiner Gedalten id für ihn kaum eine überlegte kündlerifche Aufgabe, fondern
eine ganz natürliche Aeufserung deffen, was von den Eindrücken feiner Heimat
in feinem Gemiith und feinem Auge lebt. Er gibt uns die Wahrheit aus erder
Hand; in jeder Bauerndube fpricht er felbd vor, deren Bewohner er uns imBilde
zeigt; er beobachtet nicht blos diefe kleine, mit dem gefundeden Blick erfafste
Volkswelt, er lebt in ihr und fie in ihm. Während feiner kündlerifchen Wander
jahre blieb fein Blick dets nach der Heimat geheftet; fremder Stoff und fremde
Manier verfing bei ihm nicht. In den Parifer Ateliers wie in der Schule Piloty’s
eignete er fich eine fichere malerifche Ausdrucksweife für den Inhalt an, der ihn
von vornan erfüllte; er lernte da ficher und bedimmt malen, aber nicht eoloridifeh
experimentiren, was ihm auch feine Bauern malerifch verdorben, die reine über
zeugende Kraft feiner Schilderung und feines Vortrags im Kerne beeinträchtigt
hätte. Defregger id ein feltenes Beifpiel dafür, wie man fich die Vortheile
moderner Technik aneignen und dabei doch innerlich fchlicht und naiv, im rein
den Sinne volksmäfsig bleiben kann.
Neben Defregger id die Tiroler Landsmannfchaft in der Münchner Schule
— wenn diefer vage Begriff weiter gelten darf — noch durch Mathias Schmidt
und Alois Gabi vertreten. Sie haben manche verwandte Züge miteinander gemein,
obgleich fie doch wieder durch gewiffe individuelle Eigenthümlichkeiten und Grund-
dimmungen fich voneinander fondern. Schmidt gehört zu den fchneidigen Tirolern ;
er hat es fcharfauf die Pfaffen, die in denVerdand, den Gemüthsfrieden und wohl auch
den Geldbeutel feiner bäuerlichen Landsleute fo manchen dörenden Eingriff thun.
Gegen ein folches polemifches Element im Bilde id nichts einzuwenden, wenn