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Full text: Bildende Kunst der Gegenwart (Gruppe XXV), officieller Ausstellungs-Bericht

Die Malerei. 
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dann neben den weitläufigen Repräfentationsporträts, die viel zahlreicher noch 
mitgehen, ift glücklicherweife das gemüthliche, häuslich geflammte Bildnifs auch 
noch vertreten, dem man es anmerkt, dafs es zunächfl auf die Familiengliedei 
und intimeren Hausfreunde traulich hinabfchauen foll. Freilich findet der Effedt, 
diefer moderne Verfucher, auch oft Einlafs in die Heimlichkeit des Haufes. Von 
Profeflbr Guftav Richter in Berlin wurde ein Porträt feiner Frau, einer Tochter 
Meyerbeer’s , mit dem Jüngften auf dem Arme und ein Selbftbildnifs des 
Künftlers (wenn ich nicht irre) mit einem luftigen Knaben, der zum Fenfter 
hinaus toaftet, zur Ausftellungszeit fehr populär. Es find Bilder von glänzendfter 
Eleganz des Colorits, aber bei allem gewinnenden fympathifchen Reiz doch 
ohne das feinere, intime Gefühl des Hausbildniffes. Das ftille Glück daheim foll 
fich nicht ausdrücklich, wie es hier gefchieht, dem grofsen Publicum zur Schau 
bieten und in eine wenn auch immerhin gemüthliche Beziehung zu der Strafse, 
zu den draufsen Vorübergehenden ftellen. Wir treten gern ins Haus, um da den 
Menfchen in feinen engften traulichften Beziehungen aufzufuchen; es ziemt fich 
aber nicht, dafs fich der häusliche Menfch fo felbft auf die öffentliche 
Bühne ftelle. 
Gegen die Modemalerei, wie fie auch in der Piloty’fchen Schule nachgerade 
zu einer geläufigen Methode wird, reagiren in München einige begabte jüngere 
Künftler, wie HansThoma, Carl Haider und Wilhelm L e i b 1, letzterer auch 
zunächfl im Bildnifs. Er gehört zu Jenen, die in der Parteiftellung der Kunft auf der 
äufserften realiftifchen Linken fitzen. Ganz richtig bezeichnet Pecht feine altdeutfch 
coftumirte Dame als ein „coloriftifches Bravourftück“ von hervorragendem Range, 
wenn auch der Künftler „mit der Form, nicht dem Charakter, zu Gunften der 
Farbe etwas zu cavalidrement umgeht“ ; ebenfo anerkennt er in den beiden mit 
einander zechenden Malern, einem geiftreichenGenrebild Leibis, das „eminente 
Naturgefühl“. Leibi gehört unter die refoluten und wagenden Künftler; ergeht 
der Erfcheinung direcä an den Leib, ohne ein Compromifs mit der zu glättenden 
Eleganz, diefer weltmännifchen Converfationsfprache der Kunft, zu fchliefsen. „Er 
ift Realift in des Wortes fchärffter Bedeutung“ — fo charakterifirt ihn ein fcharf- 
fmniger Kunftartikel „die Münchener Kunft nach dem Tode Kaulbach’s“, der mir 
eben jetzt in der „Neuen freien Preffe“ Nr. 3527 (vom 21. Juni 1874) vorliegt — 
„er kennt keine geläuterte Auffaffung, gefchweige denn Idealifirung und Erhöhung 
des Gegenftandes, den er darftellt; ja er verfchmäht jedes leife Zugeftändnifs 
an den conventionellen Gefchmack, jedes augenfällige Arrangement, jedes 
entgegenkommende Zurechtlegen des nicht feiten unintereffanten Vorwurfes. 
Er malt die Dinge, wie er fie fieht, ohne Unterfclried und Vorliebe, gleich- 
gütig dagegen, welchen Rang ein Objedl in der natürlichen oder moralifchen 
Ordnung einnimmt.“ Das Urtheil ift fehr zutreffend; und ein folcher Radicalismus 
in der Kunft thut ganz gut, fobald fie einmal Miene macht, fich in conventioneile 
Bahnen zu verfahren. 
Auf einem längeren Umwege kommen wir „via München“ wieder nach 
Berlin zurück; von den neuhiftorifchen Porträts Bismarck's und Moltke’s zu den 
impofanten, richtig hiftorifchen Reiterporträts des grofsen Kurfürften und 
Friedrichs II. von Profeffor Camp häufen. Sie gehören in ihrer fchhchten, 
ernften Gröfse zu jenen Bildern, in denen fich das wohlbegründete Bewufstfein des 
preufsifchen Ruhmes ausdrückt. Auf diefe beiden monumentalen Fürftengeftalten 
mufs derfelbe immer zurückgehen, wenn er feine Erinnerungen gründlich recapitulirt. 
Neben diefem ernfterenZuge in der norddeutfchen Malerei will mir um nur noch 
einen beiläufigen Seitenblick in eine andere Gattung zu werfen — der neue 
Berliner Modegefchmack um fo weniger behagen, wie er z. B. in Auguft von Hey 
dens Bild „Werbung der Gefandten des Königs von Frankreich um Blimenis von 
der Provence“ bedenklich genug fich kundgibt. Das Bild gehört in das Genre der 
gefuchten Pikanterien. Die Princeffin mufs fich, aus den Bettgardinen vortretend, 
diefen Herren völlig nackt zeigen, damit fie fich von ihrer körperlichen Tadel
	        
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