Die Malerei.
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dann neben den weitläufigen Repräfentationsporträts, die viel zahlreicher noch
mitgehen, ift glücklicherweife das gemüthliche, häuslich geflammte Bildnifs auch
noch vertreten, dem man es anmerkt, dafs es zunächfl auf die Familiengliedei
und intimeren Hausfreunde traulich hinabfchauen foll. Freilich findet der Effedt,
diefer moderne Verfucher, auch oft Einlafs in die Heimlichkeit des Haufes. Von
Profeflbr Guftav Richter in Berlin wurde ein Porträt feiner Frau, einer Tochter
Meyerbeer’s , mit dem Jüngften auf dem Arme und ein Selbftbildnifs des
Künftlers (wenn ich nicht irre) mit einem luftigen Knaben, der zum Fenfter
hinaus toaftet, zur Ausftellungszeit fehr populär. Es find Bilder von glänzendfter
Eleganz des Colorits, aber bei allem gewinnenden fympathifchen Reiz doch
ohne das feinere, intime Gefühl des Hausbildniffes. Das ftille Glück daheim foll
fich nicht ausdrücklich, wie es hier gefchieht, dem grofsen Publicum zur Schau
bieten und in eine wenn auch immerhin gemüthliche Beziehung zu der Strafse,
zu den draufsen Vorübergehenden ftellen. Wir treten gern ins Haus, um da den
Menfchen in feinen engften traulichften Beziehungen aufzufuchen; es ziemt fich
aber nicht, dafs fich der häusliche Menfch fo felbft auf die öffentliche
Bühne ftelle.
Gegen die Modemalerei, wie fie auch in der Piloty’fchen Schule nachgerade
zu einer geläufigen Methode wird, reagiren in München einige begabte jüngere
Künftler, wie HansThoma, Carl Haider und Wilhelm L e i b 1, letzterer auch
zunächfl im Bildnifs. Er gehört zu Jenen, die in der Parteiftellung der Kunft auf der
äufserften realiftifchen Linken fitzen. Ganz richtig bezeichnet Pecht feine altdeutfch
coftumirte Dame als ein „coloriftifches Bravourftück“ von hervorragendem Range,
wenn auch der Künftler „mit der Form, nicht dem Charakter, zu Gunften der
Farbe etwas zu cavalidrement umgeht“ ; ebenfo anerkennt er in den beiden mit
einander zechenden Malern, einem geiftreichenGenrebild Leibis, das „eminente
Naturgefühl“. Leibi gehört unter die refoluten und wagenden Künftler; ergeht
der Erfcheinung direcä an den Leib, ohne ein Compromifs mit der zu glättenden
Eleganz, diefer weltmännifchen Converfationsfprache der Kunft, zu fchliefsen. „Er
ift Realift in des Wortes fchärffter Bedeutung“ — fo charakterifirt ihn ein fcharf-
fmniger Kunftartikel „die Münchener Kunft nach dem Tode Kaulbach’s“, der mir
eben jetzt in der „Neuen freien Preffe“ Nr. 3527 (vom 21. Juni 1874) vorliegt —
„er kennt keine geläuterte Auffaffung, gefchweige denn Idealifirung und Erhöhung
des Gegenftandes, den er darftellt; ja er verfchmäht jedes leife Zugeftändnifs
an den conventionellen Gefchmack, jedes augenfällige Arrangement, jedes
entgegenkommende Zurechtlegen des nicht feiten unintereffanten Vorwurfes.
Er malt die Dinge, wie er fie fieht, ohne Unterfclried und Vorliebe, gleich-
gütig dagegen, welchen Rang ein Objedl in der natürlichen oder moralifchen
Ordnung einnimmt.“ Das Urtheil ift fehr zutreffend; und ein folcher Radicalismus
in der Kunft thut ganz gut, fobald fie einmal Miene macht, fich in conventioneile
Bahnen zu verfahren.
Auf einem längeren Umwege kommen wir „via München“ wieder nach
Berlin zurück; von den neuhiftorifchen Porträts Bismarck's und Moltke’s zu den
impofanten, richtig hiftorifchen Reiterporträts des grofsen Kurfürften und
Friedrichs II. von Profeffor Camp häufen. Sie gehören in ihrer fchhchten,
ernften Gröfse zu jenen Bildern, in denen fich das wohlbegründete Bewufstfein des
preufsifchen Ruhmes ausdrückt. Auf diefe beiden monumentalen Fürftengeftalten
mufs derfelbe immer zurückgehen, wenn er feine Erinnerungen gründlich recapitulirt.
Neben diefem ernfterenZuge in der norddeutfchen Malerei will mir um nur noch
einen beiläufigen Seitenblick in eine andere Gattung zu werfen — der neue
Berliner Modegefchmack um fo weniger behagen, wie er z. B. in Auguft von Hey
dens Bild „Werbung der Gefandten des Königs von Frankreich um Blimenis von
der Provence“ bedenklich genug fich kundgibt. Das Bild gehört in das Genre der
gefuchten Pikanterien. Die Princeffin mufs fich, aus den Bettgardinen vortretend,
diefen Herren völlig nackt zeigen, damit fie fich von ihrer körperlichen Tadel