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Full text: Bildende Kunst der Gegenwart (Gruppe XXV), officieller Ausstellungs-Bericht

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Dr. Jofef Bayer. 
lofigkeit gründlich überzeugen können. Man lieht ordentlich, wie den nicht mehr 
ganz jungen Mitgliedern der Jury, die über diefes weibliche Cabinetsftück in 
natura entfcheiden foll, die Augen bei dem Verditft lüftern übergehen. Die Berliner 
Kunft fcheint aber auch, wie die von Wien, dem grofsftädtifchen Nuditätenkitzel 
nicht widerftehen zu können. Gegen die Nacktheit in der Kunft ift nichts ein 
zuwenden ; wohl eben gegen diefes elegante, modifche Gefchmäckchen an Nuditäten, 
welches fich halb lüftern, halb verfchämt, aber immer doch fcheinbar auflandig 
geberdet. & 
Um den Bericht über die deutfche Abtheilung mit der Erwähnung eines 
hervorragenden Werkes zu fchliefsen, fo nenne ich zuletzt noch Adolf Menzel’s 
wohlbekanntes Bild, die „Krönung in Königsberg 1862“, das der Nationalgallerie 
in Berlin einverleibt ift. Es hat vielfachen Widerfpruch erfahren; auch ein befon- 
nener und geiftreicher Beurtheiler, wie Dr. Adolf Görling (in feiner „Gefchichte 
der Malerei“, II. Band, Seite 261) fagt, dafs diefes Werk die Vorzüge wie die 
Mängel des genialen Künftlers lebhaft zu Gefühle bringe. „In diefem umfangreichen 
Ceremonienbilde“, meint Görling, „hat Menzel den naturaliftifchen Eigenfmn fo 
weit getrieben, dafs er zu Gunften der vollen Wahrheit felbft auf eine der male 
rifchen Gefammtwirkung günftigere Lichtwirkung verzichtet hat, als fie der Schau 
platz der Ceremonien darbot.“ Friedrich Pecht ereifert fich fall bis zur Heftigkeit 
über diefes Bild; er findet die Hauptfigur, den König felbft, höchft imponirend, 
die Umgebung dagegen um ihn ganz formlos aufgefchichtet, obgleich das indivi 
duelle Wefen eines jeden Einzelnen mit feltener Energie aufgefafst fei; das ganze 
Menfchengedränge fchwanke wie in einem Erdbeben durch die offenbarften Fehler 
in Lichtvertheilung und Luftperfpetftive; das Publicum verliere fich im Hinter 
gründe in langen Reihen und fähe felir gelangweilt aus, weil es ohne alle pikante 
Lichtwirkung gemalt fei. Menzel, der das feinfte Auge für jeden einzelnen Zug 
befafse, habe die Erfcheinung in ihrer Totalität fo unvollkommen wiedergegeben, 
dafs fie unwahr ausfähe. Bei alldem glaube ich, dafs der Künftler es wohl auf die 
Gefammterfcheinung abgefehen habe, doch ohne fie recht in Auge und Hand 
bekommen zu können. Da machten fich denn die negativen Seiten des Bildes, die 
Lichtarmuth, die Trockenheit des Vortrages u. f. w., zunächft bemerkbar; man 
fieht, wie bei allen halb erreichten künftlerifchen Abfichten mehr nur, was der 
Künftler zu einem beftimmten Zwecke aufgab, als womit er da hinauswollte. Das 
Bild wirkt bei alldem bedeutend, wenn auch zugleich mit einem gewiffen nüchtern 
feierlichen, echt preufsifchen Ernft; über die künftlerifche Schwierigkeit der Auf 
gabe, die Totalerfcheinung einer fo grofsen Verfammlung in Aug und Bild feft- 
zuhalten und unter entfprechender Beleuchtung malerifch getreu zu fixiren, liefse 
lieh noch weiter rechten. Indem wir diefe Frage vorläufig der weiteren fachkun 
digen Erwägung überlaffen, wenden wir uns jetzt den anderen Abtheilungen der 
Kunfthalle zu, wo dann Frankreich, als politifcher und artiftifcher Gegenfatz zu 
Deutfchland, unferer gleichmäfsig abwägenden Betrachtung zunächft liegt 
Frankreich. 
Ein hervorftechendes Merkmal, welches die franzöfifche Malerei in dem 
grofsen Ausftellungswettkampf charakterifirte, war dasImponirende des Gefammt- 
eindruckes, das Zufammengehen der Einzelnwirkungen der vielen hier vereinigten 
Kunftwerke in gewiffe grofse Hauptzüge, die das Auge und das Gefühl fchnell 
herausfindet, ohne dafs fie fich fo genau im Worte fixiren liefsen. Das mächtig 
Durchgreifende einer grofsen malerifchen Gefammterfcheinung drang fich fogleich 
beim Eintritte in die franzöfifchen Säle auf, ehe man noch daran gehen konnte, 
das Einzelne nach feinem vielfach abgelluften Werthe zu prüfen und auf fich 
wirken zu laffen. Man wurde fofort deflen inne, dafs diefer ganze Verein von 
Geftalten, mochten fie der Mythe oder Allegorie, dem bedeutenderen hiftorifchen 
Dafein oder den befcheideneren Lebenskreifen der Genrewelt entflammen irgend-
	        
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