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Full text: Bildende Kunst der Gegenwart (Gruppe XXV), officieller Ausstellungs-Bericht

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Dr. Jofef Bayer. 
dem grofsen Meifter im kleinen Genre, werden wir auch fpäter ausnahmsweife 
auf der napoleonifchen Heeresftrafse wieder begegnen. Ein erheiterndes Nach- 
fpiel zu den napoleonifchen Kriegsfcenen wäre dann fchliefslich das Bild „La 
Romance ä la mode“ von Jules Worms (Nr. 653), eine mit viel Humor und 
geiftreicher, fcharfer Charakteriftik gefchilderte Scene aus dem Salonleben 
des Empire. 
Diefe Ueberfchau zeigt uns beiläufig, wie viel die franzöfifche Gefchichte 
auf der modernen Palette wiegt. Ihr Bild wird in der neueften Malerei nur nach 
Farbencomponirt oder vielmehrblos in kleinere Bilder und Bildchen zerlegt; nur 
die Darftellungen der Revolution erheben fich ab und zu zu einer gröfseren Auf- 
faffung, und auch diefe hält für die Dauer nicht mehr nach. 
Wenn die hiftorifche Gattung immer mehr einfchrumpft, fo dehnt fich das 
Genre — nach dem gewöhnlichen Kunftbegriffe, den man damit verbindet — in glei 
chem Mafse aus, fo dafs man feineGrenzen fall nicht mehr zubeflimmen vermag. Früher 
was es nur ein Fach in der Malerei, jetzt hat die ganze Kund, und diefs nicht in 
Frankreich allein den genreartigen Charakter angenommen. Dort ftellt fich aber 
das Verhältnifs doch noch ganz befonders. Man hat es da verftanden, die Genre* 
kunft zu einer grofsen Gattung zu fteigern, fie mit dem bunteften 
Farbenfchimmer, mit dem reichften wechfelnden Glanze eines blendenden Lebens- 
fcheines auszuftatten. Ein Reichthum von Stoffen breitet fich da aus, die, fo ver- 
fchieden ihre Herkunft fein mag, alle für den Eindruck der finnlichen Schau und 
des pikanten Reizes zurechtgeftellt werden. Der Orient und das Alterthum 
müffen mit herhalten, den genreartigen Stoffkreis zu erweitern und im Sinne des 
modernen franzöfifchen Gefchmackes fich in Scene fetzen zu 1 affen. Leon Gerom e 
hat nach beiden Seiten hin die ftärkften Impuife gegeben. Hier wie dort fucht er 
den gefteigerten Sinnenreiz oder das gewaltfam Erregende auf; er ift der richtige, 
in feiner Art grofse Meifter der Kunft für ein blafirtes Gefchlecht, das frappirt und 
gepackt, nicht ergriffen und bewegt fein will, auch für den ruhigeren Normalgenufs 
in der Kunft nicht mehr fo leicht zu haben ift. Bei ihm treten wir in das Gynaeceum 
oder in das antike Amphitheater, in den Harem, auf den Sclavenmarkt oder die 
Blutftätte—mitten hinein in die Sinnenluft oder das finnliche Grauen. Das Menfchen- 
dafein ift feil für den fexuellen Genufs oder für das aufregende Schaufpiel des 
Sterbens. Die Benennung des prachtvoll gemalten Bildes von unferer Ausftellung 
„A’Vendre“ (Nr. 277), wo fich neben Papageien und anderer Waare ein paar 
üppige nackte Weiber auch als Kaufgegenftände an die Mauer eines Marktftandes 
lehnen, und das Motto feines berühmten Gladiatoreneinzuges in die Arena: Ave 
Caefar Imperator, morituri te falutant — diefs find überhaupt die bezeichnenden 
Auifchriften und Schlagwörter jener Welt, wie fie G&rome uns vorführt. Es ift eine 
farbenfehimmernde, von allem finnlichen Glanze des Colorits umleuchtete, aber 
geiftverlaffene Welt, in welcher der Menfch faft nur als ein Objedl dargeftellt 
wird für fremdes raffinirtes Gelüfte. Geröme ift der Maler des Leibes ohne Seele. 
Schöne Sclavinen und robufte Fechterfclaven, Hetären, orientalifche Almehs, 
Phrynen ohne Unterfchied der Nationalität, der durch die allgemeine Nacktheit 
leicht befeitigt wird, find die Hauptperfonen auf der Bühne feiner Gemälde. Und 
vor diefe Bühne gehört ein Publicum, welches entweder mit lüftern-begehrendem 
Blicke dreinfieht oder mit graufamer Paffion den Daumen nach abwärts kehrt, wie 
die vornehmen Damen auf Gerome’s berühmtem, meifterhaftem Bilde: „Die 
Gladiatoren“ (Nr. 273). 
Es wird bei ihm nacktes Fleifch gezeigt — fei es in den griechifchen Interieurs 
oder in den Heimlichkeiten des türkifchen Frauengemaches — oder Fleifch gemacht, 
ob durch die Gladiatorenwaffe in der römifchen Arena oder das Henkerfchwert 
der orientalifchen Despotenwirthfchaft. Das Leben wie der Tod wirken durch 
den gleichen raffinirten Ueberreiz auf uns ein. — Die von dem Meifter ausgeftellten 
Bilder einzeln zu befprechen, ift bei der bereits feftftehenden kunftgefchichtlichen 
Stellung, die er in der franzöfifchen Malerei einnimmt, ziemlich überflüffig. Unter
	        
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