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Full text: Bildende Kunst der Gegenwart (Gruppe XXV), officieller Ausstellungs-Bericht

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Dr. Jofef Bayer. 
Marokko als Waflerträgerin (Nr. 385), eine Almeh (Nr. 387); zwifchendurch aber 
auch, mit beliebiger Erweiterung der ethnographifchen Studien, Zigeuner und 
Zigeunerinen, einen Serbenknaben und eine Circaffierin. — Das eigentliche, 
mtnnere Sittenbild der algerifchen Provinz und Egyptens ift in liebenswürdiger 
Wehe durch Mr. Henriette Browne vertreten. Da ift; kein blofes, äufserlich- 
malerifches Befchauen der fremden Volksart, die etwa zur Studie ausreichen mag 
fondern durchaus ein gemüthliches Sich-Einleben in diefelbe, wie fie das richtige 
Genrebild fordert. Die vorzügliche Künftlerin ift bei den Parteien in dem orien- 
talifchen Gerichtshof und unter der Schuljugend von Cairo (Nr. 98 und 99) fo 
leimifch, wie unfere deutfchen Genremaler es nur irgendwie unter den Schwarz- 
Wälder Bauern und der bezüglichen lieben Landjugend fein können Die feine 
Eleganz ihres Pinfels bei grofser, detaillirender Beftimmtheit, die helle Tonleiter 
ihrer Karbe erinnert übrigens, wie Jul. Meyer hervorhebt, deutlich an ihren Meifter. 
Chaplin. Jules darin, ein Schüler Picot’s, brachte einen „Teppichhändler aus 
langer , gut gemalt, aber bei Weitem nicht fo individuell. — Wenn die Juden- 
maJere. fo ziemlich durch das Genrefach aller Länder geht, bald fentimental- 
ernfthaft, bald nur mit einem malerifchen Intereffe an dem fremdartigen und felt- 
iarnen Exterieur, bald auch mit einem ironifch-malitiöfen Zuge, der fchon bei uns 
in Oefterreich beginnt und fich durch Polen und Rufsland hin nicht nur in den 
iocialen Bezmhungen, fondern auch auf der Palette fteigert: fo fcheint in Frank 
reich zunachft nur der orientalifche Jude das volle malerifche Bürgerrecht zu 
haben. Alfred Denodency, der zunächft den Charakter des fpanifchen Wefens 
in Local und Colont treu wiederzugeben verftand, hat fpäter dem jüdifchen Leben 
im Orient, namentlich in Marokko, feine Aufmerkfamkeit zugewendet. Wir fallen 
von ihm auf der \\ eltausftellung eine „jüdifche Hochzeit“ und ein „jüdifches Feft 
in langer-“ (Nr. 182 und 184). 
Die richtige, modern-franzöfifche Verwerthung des Orientes ift allerdings 
jene nach der Seite des Sinnenreizes und dann der malerifchen Blutgier, wenn 
man uns diefes Wort geftatten mag. Jetzt müffen vorerft noch etliche Tänzerinen 
auftreten von denen es zweifelhaft ift, ob wir fie für wirkliche Almehs oder für 
etwas mehr entkleidete Ballerinnen zu halten haben („Bräifa, die Tänzerin“) 
G i. 103; von Pier Cot, eine Almeh in Cairo (Nr. 633) von Ein. Verriet- 
Lecomte; dann bekommen wir gelegentlich durch die gelüfteten Vorhänge 
des Harems eine nackte Odaliske zu fehen, wie jene von F. Roy bet (Nr. 579), 
mul als bchlufstableau folgt dann eine orientalifche Henkerfcene, das Bild einer 
Hinrichtung inmitten der Pracht und Herrlichkeit eines maurifchen Herrfcher- 
palartes. Ich erwähne da das vielbefprochene und vielbeftrittene Bild von 
Ai. kegnault: „Execution fans jugement“ (Nr. 544). Im Gräfslichen ift da aller 
dings das Aeufserfte geleiftet. Der Henker, der fich eben mit theatralifcher Geberde 
den Sabel am Gewände abwifcht — die unheimliche Beziehung der beiden Köpfe 
zu einander: desjenigen, der noch auf den Schultern fitzt und des abgefchlagenen 
am em Boden, der mit verglaften Blick zu feinem Henker emporzufcliauen 
icheint — dazu die niederriefelnde, mit grauenhafter Wahrheit gemalte Blutlache 
auf der weifscn Marmortreppe des Palaftes : diefs Alles gibt einen Gefammteindruck 
t es mit innlicher Unmittelbarkeit fich aufdrängenden Entfetzens, wie man ihm in 
der Kunft nicht leicht wieder begegnet. Mit der Blutfcene contraftirt ganz merk- 
er feftlich-heitere, faft märchenhafte Farbenfchimmer des Interieurs der 
Alhambra welcher den mit höchfter coloriftifcher Virtuofität ausgeführten Profpect 
des Gemäldes bildet. (Die Aquarellftudien dafür — das Motiv ift von „dem Saale 
der beiden Schwertern“ entnommen — find an fich fchon von feltener Meifter- 
tchaft ; wir fallen fie gleichfalls unter der reichen und höchft werthvollen Collection 
von Zeichnungen und Aquarellen, welche die Franzofen ausgeftellt haben). Trotz 
des entfetzlichen Gegenftandes feffelt uns das Bild Regnault’s künftlerifch in 
hohem Grade; das bizarre, blutig-häfsliche Problem ift mit grofsem malerifchen 
binne geloft, der Henker, wie der Rumpf des Enthaupteten find nicht ohne Grofsheit
	        
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