Die Malerei.
57
der Auffaffung und der erftere, bei all feiner theatralifchen Haltung, die übrigens
in die franzöfifche Kunftweife mit eingerechnet werden mufs, beinahe fchon eine
Figur im echten hiflorifchen Stil. Jedenfalls hat die franzöfifche Kunfl in Regnault,
der, wie man weifs, am 19. Jänner 1871 im Gefechte von Buzenval fiel, eines ihier
glänzendflen Talente verloren.
Als ein Prunk- und Ceremonienbild aus dem orientalifchen Alterthume
könnte man füglich Charles Chazal’s „Königin von Saba“ (Nr. 128) bezeich
nen. Im biblifchen Sinne ift das Bild nicht gedacht, eher findet man fich an
eine affyrifche Hoffcene gemahnt, die nach den ninivitifchen Reliefs in moder-
nifirter Weife arrangirt und colorirt ift. Wir haben an diefem Bilde, das fonft
in der Farbe feftlich wirkt , auch fo eine Probe von der Rückwirkung der
modernen Ausgrabungsftudien auf die Kunfl. An die Stelle der grofsen
hiflorifchen Auffaffung ift die hiftorifche Coftümkunde getreten; der gefchicht-
liche Sinn hat fich an das archäologifche Intereffe entäufsert. Die Ausftattungs-
oper und das Ballet bedienen fich heutzutage ebenfo des archäologifchen
Effedlmittels, wie gelegentlich die Malerei. Chazal’s Königin von Saba, fo wie
in der deutfchen Ausheilung der Pyramidenbau von Guftav Richter fchlagen
da künftlerifch in diefelbe Richtung, wie Verdi’s „Aida“ oder die Ausflattung
zu dem grofsen Ballet Sardanapal.
Wenn man die ftärkeren Reizmittel des Effedles aus dem Orient bezieht,
fo fucht man die anfprechenden malerifchen Mötive wieder mit Vorliebe in
Italien und Spanien auf. In beiden Ländern kehrt die franzöfifche Genre-
kunft häufig ein. Befonders fanden wir die italienifchen Stoffe ebenfo reichlich
als anziehend vertreten. Ein guter Theil davon waren Studien und Einzel
figuren; fo Charp entier’s „junge Italienerin“ (Nr. 124), Ed. Sains „Mäd
chen von Capri“ (Nr. 577), de Connink’s reizende Römerin (Nr. 177)- Auch
hier war das Weib, wie überall im franzöfifchen Genre, bevorzugt. Schönen
Italienerinen , wenigftens folchen mit einem pikanten oder intereffanten Zuge,
fahen wir allenthalben in die tiefen fchwarzen Augen, dagegen trafen wii
kaum an einer Stelle auf umfaffendere Schilderungen aus der Volkswelt felbft.
Einfache und anfprechende Momente aus dem Gefühlsleben der Mutter, des
Mädchens und des Kindes, durch die natürliche Anmuth und lebhafte Aeufse-
rung des italienifchen Naturells gehoben, brachten in ausgezeichneter Weife
zunächft der treffiiche William Bouguereau, dann auch Diogcme M a i 11 a r d
und vor allem Leon Bonnat. Namentlich deffen „römifche Mutter“, der ihi
Töchterchen fo recht herzhaft um den Hals fällt (Nr. 64), erfreute fich bei der
Ausftellung einer grofsen Popularität. Es ift diefs auch in der Ihat ein ebenfo
liebenswürdiges, als bedeutendes Bild, aus dem uns vier leuchtende Augen
voll Temperament und Liebe entgegenblicken. Das glänzende und warme
Colorit , fo wie die treffliche Modellirung erhöhen den Werth der anmuthig
abgefchloffenen Darftellung. Nicht weniger anziehend, voll frifcher anmuthender
Naivetät war ein anderes kleines Bild von Bonnat, mit der Bezeichnung: „Non
piangere!“ — ein italienifcher Junge fein Schwefterchen beruhigend, dem die
Thränen in den Augen flehen. Das find bei aller Einfachheit flets fruchtbare
Motive, die fich für die Genremalerei immer wieder empfehlen.
Die Frauengruppe in dem etwas anfpruchsvoll grofsen Gemälde Jean
Benner’s „Nach dem Sturm zu Capri" hatte zu viel Pofe und theatralifches
Pathos, als dafs man wirklich darin eine richtige Aeufserung der italienifchen
Volksfeele wahrnehmen könnte. Sehr intereffant war es uns hingegen, Erneft
Hebert’s bekanntes Bild: ,.Die Frauen von Cervara“, die eben vom Brunnen
kommen (Nr. 223), und noch eine zweite italienifche Brunnenfcene desfelbcn
(Nr. 224) auf der Ausftellung zu finden. Das erftere war mit feiner „Rofa Nera“
lchon 1859 in Paris ausgeftellt; es gehört mit Recht zu den berühmten Bildern
des Meillers. Sowie Robert der Epiker des italienifchen Sittenbildes war , fo
ift Hebert gleichfam der Lyriker desfelben; der plaftifch grandiofen Behänd-