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Full text: Bildende Kunst der Gegenwart (Gruppe XXV), officieller Ausstellungs-Bericht

Die Malerei. 
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Rolle. Theils ift da der katholifche Refpedt noch ziemlich grofs, theils entfcheidet 
fich der malerifche Tact da, wo Mönche figuriren, für den Gebrauch derfelben 
als Staffagefiguren in Klofterhöfen oder ftimmungsvoll gehaltenen Interieurs. 
Hieher wären die trefflichen Klofterfludien aus Nizza (Nr. 281—283) von Theo 
phile Gide zu rechnen: dann das Laboratorium der Capuzinerapotheke in Rom 
von Armande Leleux (Nr. 436). 
Der Letztere hat noch eine Reihe fehl* anziehender Genrebilder ausge- 
ftellt; zwei davon find aus dem Schweizer Volksleben gegriffen: „Die proteftan 
tifche Trauung“ (Nr. 431) und „La cauferie ä la fontaine“ (Nr. 432). Es find wohl 
auch ältere Bilder diefes erprobten Genremalers , der unter die wandernden 
Maler gehört, zuerft fchon in den Vierzigerjahren Scenen aus dem Schwarzwalde 
und aus Tirol brachte, dann gelegentlich in der fpanifchen Pofada mitkneipte, 
hierauf auch in der Schweiz fich umfah und endlich italienifche Mönche vor feine 
Palette nahm. Auch Guftave Jundt, ein Strafsburger, der fich noch als Schüler 
von Drolling bezeichnet, ift ein Reifemaler, wohl auch ein Gefchichtenerzähler, 
ein Freund der Bauernanekdote, die er fich wiederum aus dem Schwarzwalde 
und aus Tyrol herbeizuholen liebte: eine Paffion, in der fich fein elfäffifch - ger- 
manifches Naturell nicht verläugnet ünd worin er mit anderen Elfaffer-Landes- 
genoffen, felbft mit den bedeutenderen G. Brion gelegentlich zufammentrifft. Ob 
gleich der Kunfffchule nach franzöfifch , gehören doch die Elfäffer Maler in der 
Empfindungsweife zu uns. Von den Bildern Jundt’s wären diefsmal die „Amme im 
Walde“ (Nr. 372), „Ein Wafchplatz“ (Nr. 373)» „Seiltänzer im Regen“ (Nr. 374), 
„Die Rückkehr vom Feite“ (Nr. 375) zu erwähnen; ein franzöfifches Tendenzbild 
des Elfaffers, durch den Krieg von 1870 angeregt, kommt fpäter noch an 
die Reihe. 
Einen ganz eigenen Eindruck macht es, dafs wir gelegentlich auch die fran 
zöfifch e Gelehrtengefchichte im Genrefache auftauchen fehen. Da malt Eugene 
Fichel, ein Schüler von Delaroche, einmal „Daubenton in feinem Laboratorium 
der Mineralogie und Ornithologie“ (Nr. 253) und „Lacepdde, die Naturgefchichte 
der Fifche fchreibend“ (Nr. 254). Das find allerdings nichtsweniger als malerifche 
Motive; gleichwohl ift der Itille, ruhig fortwirkende Gelehrtenfleifs in dem Aus 
drucke der Köpfe fowohl, als in der ganzen Umgebung der wiffenfchaftlichen 
Werkflätte mit feinem und gewiffenhaftem Pinfel charakterifirt. Fichel lieht in 
der Delicateffe und Sorgfamkeit der Ausführung, fowie in dem mikrofkopifchen 
Auge für das Detail M e i ff o n i e r fehr nahe ; nur ift er in der kleinen Malerei nicht 
fo geiftreich wie diefer. Wir werden auf die gröfseren Meilter im Kleinen gleich 
zu fprechen kommen. Vorerlt müffen wir aber noch ein ganz grofses Bild aus der 
Gelehrtengefchichte von A. F eyen-Perrin, „Die Vorlefung über Anatomie von 
Dr. Velpeau“ (Nr. 246) erwähnen. Es ift die moderne Variation des wohl- 
bekannten Rembrandt’fchen Themas. Das Demonltriren und aufmerkende Mit 
folgen und Beobachten in den Köpfen ift gut charakterifirt; fie machen den 
Eindruck von Porträts in einer beftimmten Situation. Mit Rembrandt ift es freilich 
fchwer, da zu concurriren. 
Doch nun zu M eiffonier. Mit grofser Achtung begrüfsten wir in der 
Ausheilung die gröfseren und kleineren Bilder des berühmten Meifters (Nr. 479 
bis 485). Man weifs, was diefer Name wiegt und bedeutet. Er hat von dem hol- 
ländifchen Cabinetsbild der beiten Zeit eine freie Ueberfetzung im eleganteften 
modernen Franzöfifch geliefert, und diefs ift fo eigentlich feine Specialität. Fern 
von dem leidenfchaftlichen Zuge der modernenfranzöfifchen Richtung, entwickelte 
er bei fich eine kühle Schärfe der Beobachtung, eine bewunderungswürdige 
Reinlichkeit und Beftimmtheit des Colorits und jene Feinheit des malerifchen 
Sehens, die im Kleinen ihre Wunder wirkt. In feinem koftbaren Bildchen fafst 
fich gefundes Gemüth und klarer Blick in eine engbegrenzte Wirklichkeit knapp 
und beftimmt zufammen. Falt möchte man diefem Meilter gegenüber glauben, 
dafs Beides in der franzöfifchen Kunft fich nur in diefer Miniaturform concentriren
	        
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