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Full text: Bildende Kunst der Gegenwart (Gruppe XXV), officieller Ausstellungs-Bericht

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Dr. Jofef Bayer. 
feine Schleier um das Gemälde. Die beiden Mädchen, von denen das eine den 
Krug fchon gefüllt hat, und das andere ihn noch knieend hält, find von einer 
fchlichten Anmuth, die den vollen Reiz einer Idylle übt. 
So fucht das ländliche Sittenbild der Franzofen das Landvolk bei der 
Arbeit des Tages oder der Ruhe des Abends, bei härteren oder einfacheren 
Befchäftigungen auf. Es fchildert dasfelbe mehr nach generellen als perfönlichen 
Zügen; es läfst die landfchaftlicheWirkung mit der ländlichen Exiflenz in diefem 
eingefchränkten Menfchendafein zufammenwirken, deffen flrenge Härte durch die 
weichumfangende Stimmung von Luft und Licht wie gemildert erfcheint. Solche 
Bauernfcenen, wo die einzelnen Geflalten individuell heraustreten, ein Paar 
Augen in einem fcharf charakterifirten Angefichte fich auf uns heften, finden wir 
da nicht. Die Details des Familienlebens in der Bauernflube, das Sonntagstreiben 
in der Schenke, der Kirmestanz und der Ausbruch feftlicher Luft fcheinen da 
ein ebenfo fremdes Element zu fein, wie andererfeits die mit tieferem Ernfle 
erfafsten Momente des bäuerlichen Lebens. Bezeichnend ifl es, dafs, wie über 
haupt in der franzöfifchen Kunfl, auch im ländlichen Genre das Weib den Vortritt 
hat. So bringt uns Augufte F e y e n - P e r ri n einmal eine Kornfchwingerin als 
Einzelfigur, dann wieder eine Gruppe von Bäuerinen aus Cancale, in derselben 
Befchäftigung begriffen. Edmund H e d o u i n, der mit Vorliebe das arbeitfame 
Treiben des Landvolkes fchildert, aber dabei mehr einen gefchärften realiflifchen 
Blick, als den poetifchen Zug Breton’s zeigt, ftellte abermals feine „Aehrenlefe- 
rinen aus Loiret“ aus, die fich im Luxembourg befinden, zudem eine „Bäuerin 
aus St. Jean de Luz in den Unterpyrenäen“. Jean Tray er zeigt uns einen Kreis 
bretonifcher Schneiderinen, die mit ihrer Nadel auf dem Lande wohl keinen 
Sparpfennig verdienen. Luftiger geht es bei Marchal’s „Dienflmädchen-Jahr- 
markt zu Buchsweiler im Elfafs“ zu. Eigentlicher Humor ift freilich nicht in dem 
Bilde, ja die Art, wie die Bauern die in einer Reihe aufgeflellten Mägde multern, 
hat fogarfafl einen frivolen, fehr unländlichen Beigefchmack. Die drallen, frifchen 
Elfafferinen von demfelben Maler, die auf dem Kirchgänge unterwegs im Freien 
Luther’s Choral anftimmen, vereinigen dagegen fehr gut den Eindruck der Lebens 
luft mit dem der naiven Andacht. Bekanntlich hat der Elfafs für die franzöfifchen 
Genremaler feit jeher neben der Bretagne und Normandie die gröfste Anziehungs 
kraft geübt. Diefes Land hat nun nicht allein der Staat, fondern wohl auch die 
Kunfl in Frankreich verloren, und die deutfche Volksmalerei, im Schwarzwald 
längft fchon fefshaft, dürfte fich wohl bald auch das Gebiet bis zu den Vogefen 
hin annedliren. Es mag weh thun, wenn auch die Kunfl vorausfichtlich eine Pro 
vinz verliert. GuftaveBrion und der ebenerwähnte Charles Marchal, —jener 
felbfl einElfaffer aus Rothau, aber Schüler von Guerin, diefer ein Parifer, — haben 
fich in die elfafs’fche Stammesart mit Eifer einfludirt und deutfches Volkswefen 
mit franzöfifchen Kunflmitteln, oft aber auch mit einem flarken Anklange an die 
deutfche Empfindungsweife wiederzugeben gefucht. Bei Marchal. der erft fpäter 
fich von den Pikanterien des modernen Parifer Lebens hinweg dem Elfafs zuwandte, 
fieht man wohl die Abficht durch, fich dem Naiven nähern zu wollen, wie in 
beiden obenangeführten Bildern, die fchon von 1863 und 1864 herdatiren. 
Tiefer in feiner Empfindung geht Brion. Er nähert fich auch hierin den deut- 
fchen Volksmalern, dafs er gleich diefen auf die Bedeutfamkeit der Situation 
Gewicht legt, das Leben des Landmannes in Freud und Leid nach feinen wich 
tigeren Momenten, felbfl mit detaillirender Charakteriflik der einzelnen Figuren, 
vorführt. Er erzählt und fchildert, wie wir es in Deutfchland bei unferen Darflel- 
lungen aus den Bauernkreifen gewohnt find, wenn auch mit jener flüchtigeren Ma 
nier der Ausführung, die wieder feiner franzöfifchen Kunflweife eigen ifl. Die Aus- 
ftellung brachte mehrere, allerdings nicht durchaus die bezeichnendflen Bilder von 
ihm; fo feine „Rheinflöffer“, „Die Hochzeitsgefchenke“ und „Die Pilger von 
St. Odile“. Um fchliefslich uns wieder dem anderen Ende Frankreichs zuzukehren, 
fo bildet in der Bauernmalerei die Bretagne einen gar intereffanten Gegenfatz
	        
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