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Full text: Bildende Kunst der Gegenwart (Gruppe XXV), officieller Ausstellungs-Bericht

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Dr. Jofef Bayer. 
da mehr gut italienifch, als gut gemalt ausfallen. Wenn die Gedankenmalerei die 
Kunft abftracft und unlebendig macht, wie wir es in Deutfchland vielfach erfahren 
haben, fo geräth fie durch die Tendenzmalerei in der Regel in leichtfertige und 
forglofe Behandlung. Das einige Italien fpiegelt fich eben nicht vortheilhaft in 
der Malerei ab, und namentlich, wo fie dem Re galantuomo eine perfönliche 
patriotifche Huldigung bringt, fei es bei feinem Einzuge in Rom (Sagliano in 
Neapel), oder in dem Thronfaale mit Garibaldi (Bufi aus Bologna) oder bei der 
Inauguration der herculanifchen Ausgrabungen (Eugen Tano aus Florenz), 
kommen wir über blofse Cavalcaden oder Ceremonienfcenen nicht hinaus. Es 
fcheint diefem Patriotismus der Palette einfach zu genügen, den populären König 
und die modernen Helden der Nation nur recht häufig dem Volke zu zeigen, nicht 
aber fie in wirklich bezeichnender und bedeutfamer Adtion vorzuführen. Vielleicht 
ift es erft fo beffer, denn fonft käme gewifs ein Zug theatralifcher Aufregung 
hinzu. Die Erfüllung der politifchen Wünfche der Nation ift noch von zu jungem 
Datum, als dafs die Kunft fie fchon mit ruhiger Hand, aber grofsem Sinne erfaßen 
und darftellen könnte. 
In Allem, was zur malerifchen Technik gehört, erfcheint das moderne 
Italien faft wie eine Kunftfiliale von Frankreich ; nur find die technifchen Mittel 
häufig mehr nach der allgemeinen Wirkung abgefchaut, als mit gründlicherem 
A erftändniffe und ernfterer Behandlung benützt. Das Raffinement der neufranzö- 
fifchen Malerei wirkt deutlich herüber, weniger die zugrundeliegenden gröfseren 
Kunftbeftrebungen. 
Zunächft zeigt fich diefs bei den auch in Italien beliebten Nuditäten. Es 
wäre ganz verkehrt, gegen das Nackte in der Kunft zu polemifiren. Die Auf 
lehnung gegen dasfelbe möge für alle Zeiten den Päpften der Gegenreformation, 
die über das viele nackte Fleifch des Cinquecento plötzlich erfchraken, fowie 
dem ehemaligen preufsifchen Cultusminifter Mühler neidlos überlaffen fein. Aber 
der ehrliche künftlerifche Cultus des Nackten ift doch wefentlich verfchieden von 
jener pikanten Schauftellung desfelben, die ausdrücklich auf den lüfternen 
Efiedt losarbeitet. Die nackte Phryne, die, wie von dem eigenen wollüftigen 
Blute gejuckt, in coquet herausfordernder Stellung mit jenem unfagbaren metier- 
mäfsigen Lächeln dafteht, diefe frivole marmorne Verfuchung befand fich bekannt 
lich in erfter Reihe unter den italienifchen Sculpturen, und auch Clefinger hat 
unter den Franzofen diefelbe Dame ebenfo fplitternackt, aber dabei im reichften 
Gemmen- und Goldfchmucke vorgeführt, der wieder eine kleine Specialausftellung 
für fich bildete. Bezeichnend ift es, dafs die moderne Kunft der romanifchen 
Völker mit Vorliebe zu diefer Geftalt zurückkehrt; auch die nackten Fräulein, 
die als „Bachantinen“, als „Nymphen nach dem Bade“ oder auch ohne jeden 
mythologifchen Vorwand in allen Sälen der Kunfthalle, mit Ausnahme der deutfchen. 
im Waldesgrün des Ueberfalles gewärtig, herumlagen, gehören zu demfelben 
Gefchlechte. So auch das nach dem Bade im Walde eingefchlafene Mädchen von 
Cattaneo in Rom, das allerdings feine unläugbaren malerifchen Verdienfte hat. 
Eine „Idylle aus Theben“ vonViotti in Turin gibt uns wieder eine Nudität 
unter archäologifchem Vorwände. Weil in egyptifchen Wandgemälden aus der 
Zeit der Rhamfefiden die hockenden, harfenfpielenden Sclavinen bei den Hof- 
feften völlig nackt erfcheinen, fo glaubte der Künftler in feinem, in affedlirtem 
Archaismus mit einem Hieroglyphenrahmen verfehenen Bilde hievon die paffende 
malerifche Nutzanwendung machen zu können. Uebrigens ift fein Bild wirkfam 
beleuchtet und die Geftalt der jungen Sclavin im fonnigen Lichte, ganz in der 
Weife franzöfifcher Technik trefflich modellirt. Meiftens merkt man es diefen 
Damen geradezu an, dafs fie fich ad hoc, nämlich, um fo gemalt zu werden, ab- 
fichtlich erft ausgezogen haben. Buchftäblich ift diefs bei der Brautfchau von 
Rob. Fontana in Mailand der Fall. Ich weifs nicht, wo in Rufsland ein folcher 
Gebrauch exiftiren foll, nach welchem fich die Bräute vor ihrer Vermählung 
unbekleidet den prüfenden Blicken ihrer Cameradinen zeigen. Abgefehen davon
	        
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