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Full text: Bildende Kunst der Gegenwart (Gruppe XXV), officieller Ausstellungs-Bericht

Die Malerei. 
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die religiöfen Ideale künftlerifch abfterben oder nur fchattenhaft reproducirt 
werden, dann bietet die Allegorie ein gewiffes Erfatzmittel für die höhere Ideal 
welt dar, welche die Kunft doch fcliwer zu miffen vermag. Die Renaiflance hat 
neben die Geftalten der kirchlichen Legende und die wiederzurückgeführten 
Götter des heidnifchen Olymps eine reiche Fülle allegorifcher Erfindungen hin- 
geftellt, denen fie beinahe den Hauch individuellen Lebens zu geben wufste. 
Raphael, der unvergleichlichfte Meifter der legendarifchen und hiftorifchen Kunft, 
war auch zugleich der genialfte Allegoriker unter den Cinquecentiften; doch gehört 
eben die volle Reinheit des Umriffes, eine gewiffe gedankenhafte Hoheit des Stiles 
und Klarheit der auszudrückenden Beziehungen nothwendig dazu, um diefe Art 
künftlerifcher Ausdrucksweife zu rechtfertigen und die äfthetifchen Bedenken 
gegen diefelbe zu widerlegen. Die klügelnde und überladene, bald nüchterne und 
bald wieder fchwülftige Allegorik der Spätrenaiflance und des Zopfes ift aller 
dings wieder ganz angethan, der Ablehnung der Theorie Recht zu geben. Eugen 
Agneni, ein Hauptvertreter der neuallegorifchen Richtung, behandelt nun diefe 
Art von Gedankenmalerei wieder in fehlerhaft modernem Sinne mit dem aus- 
gefprochenen Streben, in den Contraften fchlagend, in den auszudrückenden 
Gedanken fcharf pointirt zu wirken. Sein Hauptthema ift der Kampf der Natur 
mächte mit der Eifenbahn- und Induftrialcultur der Gegenwart oder vielmehr das 
tragifche Erliegen der erfteren unter der fiegreich vordringenden Gewalt der 
kühnften menfchlichen Unternehmungen. Der Durchftich der Landenge von Suez, 
die Bohrung des Tunnels im Mont Cenis, der Maffenmord der Dryaden beim Aus 
hauen der Forfte werden in diefer Weife finnbildlich gefafst. Es find in Handlung 
gefetzte Allegorien mit einer gleichfam leidenfchaftlichen Spannung der 
Gegenfätze. 
Es war diefs einftmals die königliche Domäne des Rubens, die Allegorie zu 
dramatifiren und zu einer effektvollen Handlung zu fteigern; er dichtete da völlig 
als Maler, während der moderne Italiener die gefucht-verwegenen Einfälle feines 
Kopfes nur mit unzureichendem Pinfel zu illuftriren vermag. Das Auszudrückende 
geht nicht in der malerifchen Ausdrucksweife auf. Wir fehen da lauter Abfichten 
aber keine in künftlerifches Gleichgewicht gebrachte Compofitionen vor uns. Er 
ift weder Colorift noch Stilift, obgleich er von Beiden etwas borgt und ebenfo diefe 
beiden Darftellungsweifen mit einander verwirrt. Die mehr als Tableau aufgeftellte 
Allegorie, welche die „Einheit Italien“ verfinnlichen foll. macht die Compofitions- 
fehler und den Mangel an reinem Liniengefühl um fo bemerkbarer, weil wir uns da 
auf dem geläufigeren Boden des allegorifchen Schemas befinden und die Ausrede 
auf das Gewagte und Aufsergewöhnliche des Vorwurfes wegfällt. 
Einen breiten Raum — fo fcheint es — nimmt in der italienifchen Malerei 
der Cultus der nationalen G e f c h i ch t s e r i n n e ru n g e n ein, insbefondere 
jener der Vorgefchichte der Italia una und jener Opfer und Leiden, die den Prolog 
zur Begründung der jetzigen politifchen Zuftände der Halbinfel bildeten. Es geht 
bei folchen Darftellungen nicht ohne einen gewiffen theatralifchen Zug ab; gleich 
wohl finde ich hier das ftoffliche Intereffe in der Kunft trotz aller gegentheiligen 
äfthetifchen Auseinanderfetzungen berechtigt. Es mag immerhin den patriotifch 
gefilmten Maler reizen, eine künftlerifche Satisfaktion an den widerftrebenden 
Gewalten zu nehmen, welche die Wünfche der Nation hintertreiben wollten und 
die Vorkämpfer derfelben dem Kerkerdunkel oder dem Tode überlieferten. 
Schlecht kommen dabei insbefondere die Bourbonen weg; fo zeigt uns der Neapo 
litaner Nicolo P a r i fi das Schickfal des Patrioten Carlo Pqerio, der auf Befehl 
der Bourbonen mit gemeinen Sträflingen zufammengekettet wird, und Raphael 
Tancredi fucht uns, in eine frühere Zeit zurückgreifend, durch die Scene zu 
erfchüttern, wie der neapolitanifche Admiral Caracciolo einem niedrigen, perfiden 
Verrathe zum Opfer fällt. 
In diefen und ähnlichen Bildern liegt eine gewiffe fenfationelle Schau- 
ftellung nationalen Unglücks, aber fie find jedenfalls mit Verve gemalt und echt
	        
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