Appreturmittel und Harzprodudte.
27
allenthalben auf nicht unerhebliche Schwierigkeiten ftöfst, die der Entfaltung
eines Grofsbetriebes ganz wefentlich abträglich fein können. So ift es namentlich
die Rückficht auf das öffentliche Sanitätsintereffe, die die Behörden in der Regel
veranlaffen mufs, gegen Fabriksunternehmungen von in fanitärer Beziehung fo
üblemRufe, wie ihn die Leimfiederei hat, mit allerhand befchränkenden Bedingungen
aufzutreten, wo nicht gar die Bewilligung zur Errichtung folcher in bewohnten
Gegenden gänzlich zu verfagen, und fie in Einöden zu verweifen, wo die
Arbeitskraft rar und theuer und die Verkehrsmittel meift fehr koflfpielig find.
Indefs duldet es keinen Zweifel, dafs auch in diefer Richtung die Einführung
gewiffer Fortfehritte manchen Vortheil im Gefolge haben würde; denn mit der
Vervollkommnung der Methode geht meift auch eine Verringerung jener beläftigenden,
die öffentliche Salubrität mindeftens nicht fördernden Momente Hand
in Hand, die das Gewerbe des Leimfieders nicht ganz mit Unrecht in den Verdacht
der eminenter Sanitätswidrigkeit gebracht haben.
Die gegenwärtig allenthalben übliche Methode der Leimgewinnung ift,
abgefehen von den nach der Natur des Rohmateriales verfchiedenen Vorbereitungsarbeiten
des Leimgutes, die des Siedens in gefchloffenen Gefäfsen unter
erhöhtem Drucke, wie fie vor etwa 15 Jahren zuerft von Vickers in Manchefter zur
Ausführung gebracht worden ift. Das Kochen in offenen Sudkeffeln ift, wenn
auch noch nicht gänzlich aufgegeben, fo doch nur mehr in ganz kleinen Betriebsftätten
üblich.
Zweifellos ift das Extrahiren des Leimgutes unter erhöhtem Drucke nicht
blos in Hinficht auf Erhöhung der Ausbeute, fondern auch in Bezug auf Herabfetzung
des Mafses der Belüftigung unbedingt dem älteren Verfahren vorzuziehen,
und der Einwand, dafs bei Anwendung gefpannter Dämpfe die Qualität des refultirenden
Leimes leide, hat fich als ein völlig haltlofer erwiefen.
Als Rohmaterialien kommen neben den Abfällen der Gerbereien vornehmlich
die Knochen in Betracht, während andere thierifche Abfälle nur eine untergeordnete
Rolle fpielen. Ebenfo werden Abfälle lohgaren Leders nicht fehr
allgemein als Rohmateriale für Leimgewinnung verwendet. Die im Jahre 1859
für Jennings patentirte Idee der Verarbeitung von Fifchen auf Leim fcheint
keine Anhänger gefunden zu haben.
Die Hauptbezugsquellen für das Rohmateriale des Leimfieders find Rufsland,
die Walachei und feit dem Auffchwunge, den die Fleifchextracft-Induftrie
dort genommen hat, Südamerika. Rufsland fpeciell exportirt die gröfsten Mengen
Knochen nach Deutfchland, Oefterreich, England und Frankreich, und betrug
beifpielsweife im Jahre 1871 die Ziffer des Exportes* an rohen Knochen für
England 688.488 Pud, für Deutfchland 146.597 Pud, für Frankreich 7782 Pud,
wovon die gröfste Menge (641.078 Pud) via St. Petersburg ausgeführt wurde.
Diefe Zahlen find allerdings in den letzten Jahren, theils in Folge der
Concurrenz der füdamerikanifchen Knochen, theils durch die Hebung der heimifchen
Induftrie in etwas gefunken und im erften Quartale 1873 betrug der ruffifche
Export an Rohknochen nur mehr 476 Pud, während er im gleichen Quartale 1872
noch 3348 Pud betragen hatte.**
Betreffs der Verwerthung der Knochen für die Zwecke der Leimfabrikation
ift bekannt, dafs gegenwärtig fehr häufig die Spodiumfabrikation neben der
Leimgewinnung, die allerdings einen fehr lohnendenTheil derKnochenverwerthung
bilden dürfte, hergeht. Es find demzufolge die andernfalls zuläffigen Methoden der
* Rohe Thierknochen zahlen in Rufsland einen Ausgangszoll von 10 Kopeken per Pud.
Das Erträgnifs diefes Zolles betrug im Jahre 1872 101.553 Rubel gegen 29.721 Rubel im Jahre
1861. (Siehe Matthäi „Der auswärtige Handel Rufslands“ 1874.)
** Siehe übrigens Matthäi „Der auswärtige Handel Rufslands“. Hermann Fries, Leipzig
1872 und 1874.