42
Dr. Wilh. Fried. Gintl.
Gehen wir zur Fabrikation gekochter Firniffe über, fo finden wir, nament-
lieh was die Arbeit des Kochens felbft betrifft, mit Ausnahme einiger gröfserer
Fabriksetablißements, von denen namentlich die englifchen fich jeglichen Fort-
fchritt mit Verftändnifs zu Nutze zu machen wiffen. meift noch das Kochen in
offenen Hafen und über freiem Feuer fn Uebung obwohl man meinen follte,
dafs fchon der erhebliche Schwund an Oel, fowie die unvermeidliche Belüftigung
die diefes Verfahren mit fich bringt, längft fchon zur Wahl rationellerer Methoden
gedrängt haben könnten
Als eine folche ift zweifellos die von C. W- Vincent (Chem. news. 1871,
No. 596; auch Dingl. p. Journ. Cd p. 65) angewendete, feit Jahren mit beftem
Erfolge ausgeführte Methode der Kochung des Leinöls mittelft Dampf in doppel
wandigen Kochkeffeln zu bezeichnen, und follten namentlich gröfsere Firnifs-
fiedereien nicht fäumen diefelbe einzuführen.
Diefes Verfahren, bei welchem durch Einblafen von Luft durch das erhitzte
Gemifche des Leinöls mit dem entfprechenden Trockenmittel die Trocknungs
fähigkeit auf den höchften Grad gebracht werden kann, liefert nicht nur blaffe
und helle Firniffe von vorzüglicher Qualität, die frei find von den brenzlichen
Produkten, die in gewöhnlichen Firnißen wegen der fchwer zu vermeidenden
Ueberhitzung fall nie fehlen, fondern bietet auch den entfehiedenen Vortheil der
weit fichereren und ungefährlicheren Arbeit und geftattet den Schwund fowie die
Belüftigung, die das Firnifsfieden ftets in hohem Grade mit fich bringt, auf das
geringfte Mafs herabzufetzen.
Letzterer Vortheil läfst fich allerdings auch durch Anwendung des von
Feichtinger befchriebenen(Bayer.Induftrie undGewerbeblatt 1872 p. 18) in Eng
land für die Zwecke der Harzlackfiederei ziemlich allgemein üblichen gefchloffenen
Kochapparates erreichen, doch ift unter allen Umftänden der Dampfkochung der
Vorzug einzuräumen.
Ein Moment, welchem auch weit weniger Aufmerkfamkeit zugewendet
wird, als es in der That verdient, ift das der Lagerung der Firniffe. Es
bleibt eine unbeftrittene Thatfache, dafs junge Firniffe eines gewilfen Lagers
bedürfen um vorwurfsfrei zu fein. Freilich ift das Erfordernifs der länger währen
den Lagerung für den Kleinfabrikanten mfoferne nicht gleichgiltig, als oft die
Raumfrage dabei ganz wefentlich mit *ns Spiel kommt, und als endlich gerade
diefem es oft fchwer fallen wird, fein Capital für eine Zeit aufser Verkehr zu fetzen
und Zinfenverlufte zu gewärtigen. Aber gerade hierin liegt der wunde Fleck und
ein Fabrikant, der feinen Oelbedarf nicht zur Zeit der günftigen Conjundtur zu
decken vermag, und dem es an Fonds gebricht, um feiner Waare Lager zu geben,
der unterlaffe es, Firnifs produciren zu wollen.
Darin liegt gröfstentheils auch das Geheimnifs der renommirten Firmen,
zum Beifpiel Englands, und die Meinung, die man von Einzelnen Vorbringen hört,
als würden diefe die heften Leinölqualitäten aufkaufen und nur geringere Waaren
ihrer Concurrenz überlaßen, ift eine Fabel, an die wohl Niemand ernftlich
glauben kann.
Selbftverftändlich ift es hiebei, dafs die Qualitätsänderung, welche der Firnifs
bei längerem Lager erleidet, wohl beachtet werden mufs und das Beifpiel der
grofsen" Exportfirmen, welche fogar der möglichen Aenderung ihrer Firniße
während der Zeit des Transportes durch entfprechende Zufätze an ungekochtem
Oele (Standöli Rechnung tragen, dürfte ein fehr nachahmenswerthes fein.
Ganz ähnlich, wie mit der Fabrikation von Leinöl-Firnifs, fleht es um jene
der Erzeugung fetter Copal- und Bernfteinlacke.
Kommt allerdings die Qualität des verwendeten Harzes hiebei nicht
unwefentlich in Betracht, fo trägt doch auch die Methode erheblich dazu bei,
von welcher Befchaffenheit das refultirende Produdl fällt.
Seit dem Bekanntwerden der fchönen Unterfuchungen von H. Violette
(Annal. du Gdnie civ. Octobre 1866), ift die früher hartnäckig vertheidigte Anücht,