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Rudolf Baron Potier des Echelles.
Die bildende Kunft, indem fie die That felbft unmittelbar vor Augen führt, wirkt
ungleich mächtiger als des Sängers Lied oder des Hiftorikers Griffel! Sie erfetzt
die formenwechfelnde Tradition; und von den Perfern an, deren Siege heute noch
die Felfendenkmale von Perfepolis verkünden, bis auf die neuefle Zeit, ifl es die
bildende Kunft, welche, gleichviel ob in Marmor oder Erz, durch Pinfel oder
Griffel kommenden Gefchlechtern die grofsen ruhmesvollen Thaten eines ganzen
Volkes wie der Einzelnen erzählt, fie der fernften Nachwelt erhält und überliefert
zu immerwährender Ehr’ und Beifpiel.
Wirkt fo die bildende Kunft in hohem Grade veredelnd und begeifternd,
fo erhält fie wieder ihre fchönften und beften Motive aus der zum höchften Effecf
gefteigerten Entwicklung menfchlicher Tugenden und Leidenfchaften, die nur
dort durchbrechen können, wo eben oft um Höheres als das blofse Leben, um die
Ehre und das Glück des Vaterlandes geftritten wird. — Und nicht nur der Sieg,
auch das ehrenvoll erlittene Unglück findet gerade durch die bildende Kunft oft
Troft, Hoffnung und Muth zu neuer Thätigkeit! Sie ehrt die kriegerifchen
Tugenden; und gewifs war jenes Bild in der franzöfifchenAbtheilung von
mächtigem Eindrücke, welches die „grofse Armee“ auf den Schneefeldern Rufs-
iands und einen Krieger von den Pyramiden zeigt, der, fymbolifch von den Genien
der Pflicht und des Muthes verklärt, trotz fchweren, blutenden Wunden, doch noch
in opferwilliger Hingebung feine verzagenden Kameraden ermuthigt. Nicht
minder erhebend ift die Verewigung des denkwürdigen Momentes, in welchem Don
Juan d Auftria bei Lepanto das türkifche Admiralfchiff entert, und damit den Sieg
entfcheidet, welcher den Türken 200 Galeeren und 30.000 Mann koftete und
deren dominirende Seemacht für alle Zeiten brach; oder endlich jene Attaque der
öfterreichifchen Küraffiere in der Schlacht von Würzburg, in welchem Gemälde
das „Moriamur pro rege noftro“ charakteriftifchen Ausdruck fand. Tiefe Bewegung
mochte auch jenes mit der linnvollen Unterfchrift „in fanguinem martyris faemen
vitae gezeichnete, und für die Kirche von Clermont beftimmte Glasgemälde her
vorgerufen haben, welches den „Küraffier von Reichshofen“ darftellt, der,mit der
Todeswunde im Herzen hinfinkend, noch die Fahne hoch hält.
In Italien fand ein äufserft ftimmungsvoli gedachter undausgeführter
Bajonettangriff der Berfaglieri, vor allem aber die grofse Statue der „Gefchichte“
viel Beifall; während die grofsen Modelle des Genfer Nationaldenkmales und des
jenigen, mit welchem die Schweiz das Andenken der „Spartaner“ von St. Jakob
ehrt, das allgemeine Intereffe feffelten.
In Rufsland war es befonders das „Treffen von Karftula“ in Finn
land 1S09 deffen Darftellung neben einigen anderen Schlachtenbildern, wegen der
fehr gefchickt wiedergegebenen eigenthümlichen Gegend und Nebenumftände
befondere Beachtung fanden.
Die belgifche Kunft verewigte die Harangue des Bürgermeifters von
Antwerpen, der die Bürger zur wackeren Verteidigung der Stadt auffordert,
dann den Rückzug der Vogefen-Armee 1871 in die Schweiz, und eine Epifode
von Sedan.
Am reich ften waren Bilder vom Kriege in Deut fehl and ausgeftellt, und
bildeten — wie natürlich — die letzten Riefenkämpfe den Vorwurf zu den gelun-
genften Gemälden. Ernfte Kämpfe, das Marfch- und Lagerleben, treue Kamerad-
fchaft, hingebende Liebe und Anhänglichkeit zu bewährten Führern, mit einem
Worte alle Kriegertugenden fanden ihre bleibende Würdigung durch die Kunft.
welche auch der aufopfernden Menfchenliebe in den „Weinbergen bei Wörth“ und
„barmherzige Schweftern auf dem Schlachtfelde“ ein ehrendes Denkmal widmete.
In das Gebiet des Genrebildes gehört zwar die Darftellung des „Eintreffens der
Siegesnachricht von Sedan in einer Stadt“, doch, indem fie die Theilnahme des
Volkes an den Gefchicken der Armee illuftrirt, verdient fie gewifs ebenfo Beachtung,
als die „preufsifchen W^erber“ den ungeheueren Unterfchied zwifchen geworbenem
und dem aus der allgemeinen Wehrpflicht gebildeten Volksheer markiren.