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Volltext: Die Goldschmiedekunst (Arbeiten in Edelmetall und Edelstein), (Gruppe VII, Section 1), officieller Ausstellungs-Bericht

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Jakob Falke. 
Phantafie hatte, durchaus bunten und gemifchten Charakter. Da gab es vor 
treffliche Imitationen und freie Erweiterungen indifcher und japanifcher Art; 
da gab es Gefäfse und Geräthe in fpätantikem Stil, zu denen insbefondere der 
fchon oben erwähnte Hildesheimer Silberfund angeregt hatte; da gab es reizende 
Arbeiten in reiner Renaiffance mit Laubwindungen, die auf das Zierlichfte durch 
gebildet und ausgearbeitet waren; da gab es endlich Gegenflände in der mehr 
barocken oder fchweren Art des XVII. Jahrhunderts, insbefondere im Stil 
Louis XIII., der fich neben Louis XVI. in Mode behauptet. 
Diefer formellen Mannigfaltigkeit der Stilarten entfprach ein gleicher 
Reichthum an verfchiedenen Decorations-und Behandlungsweifen der Oberfläche. 
Jegliche Technik war hier vertreten, wie fie nur am Silber vorkommt und an 
einem Stück, einem Cabinetkaflen, der als Paradeftück der Ausflellung fungirte, 
fogar alle mit einander. Auf diefe zweite malerifche oder farbige Seite der Silber 
arbeiten kommen wir noch fpäter ausführlich zu fprechen. 
Ein zweiter franzöfifcher Silberarbeiter, Emile Philippe in Paris, deffen 
Stärke freilich in Schmuckfachen befleht, kommt mit einigen Gegenftänden, ins 
befondere Caffetten, Salzfäffern und kleineren Geräthen für den Tifch auch hier 
in Betracht. Diefe Arbeiten, obwohl gering in ihren Dimenfionen, Hellen fleh 
auf rein künftlerifchen Standpunkt. In Zeichnung wie in Ausführung höchft 
vollendet, reizend in der Erfindung, mit ihren Motiven in der bellen Renaiffance 
ruhend, find fie fämmtlich kleine Cabinetflücke. 
Mit einem ähnlichen Standpunkt und ähnlichen Zielen fcheidet fich auch 
ein öflerreichifcher Fabrikant aus der Menge feiner induflriellen Genoffen aus. 
Wir meinen H. R a t z e rs d o rf e r in Wien. Seine Gegenflände : Pocale, Kryflall- 
gefäfse, Caffetten und Schmuckkäflchen, Uhren, Schalen, reich verzierte Waffen- 
flücke follen mehr dem Schmuck, dem feinflen Luxus, als dem eigentlichen 
Gebrauche dienen. In den Formen fich an die Motive der Renaiffance, in ihren 
verfchiedenen Weifen vom XVI. wie vom XVII. Jahrhundert haltend, überdecken 
fie fich mit aufserordentlich reichem Schmuck fowohl in figürlichem und ornamen 
talem Relief wie mit translucidem Schmelz und Emailmalereien. Auch in der 
Vergoldung nehmen fie gewöhnlich alten Charakter an. 
Das Befondere, was diefe einzelnen Fabrikanten individuell anflreben, 
das erfcheint wie nationale Tendenz in der ganzen ruffifchen Gold 
feh m i e d e k u n fl. Wenigflens zeigte fie fich fo auf unferer Weltausflellung, 
wohin allerdings wohl mit Vorliebe und Abficht das Eigenthümliche und Befon 
dere gefendet war. Diefe eigenthümliche Seite der fehr reich vertretenen ruffi- 
fchen Goldfchmiedekunfl ifl aber nur fcheinbar echt und nur fcheinbar national; 
es ifl eine ganz moderne, bewufste und abfichtliche Einführung von künfllerifchen 
oder ornamentalen Motiven, die allerdings national find, aber einem ganz anderen 
Zweige der Kunft oder der Induftrie angehören. Sie treten daher ebenfo fehr 
gemifcht, wie hier in der Goldfchmiedekunfl am Unrechten Orte auf. 
Was Rufsland an wirklich nationaler Kunft fich bewahrt, das ifl der Holz 
bau feiner Wohnhäufer fammt deren Verzierung mit bemalten, aus Holz aus- 
gefägten Ornamenten. So einfach diefe in ihrer geometrifchen Art aus geraden 
Linien mit Durchbrechungen zu fein fcheinen, fo haben fie doch ihr Eigentüm 
liches, welches fich gerade fo in anderen Ländern nicht wieder findet. Auch das 
Holzgeräth des Haufes bietet viel Eigenes in derfelben Art. Diefes Ornament 
nun und diefe Formen des Geräts haben fich moderne Beflrebungen in Rufsland 
erkoren, um daraus einen nationalen Kunflflil zu fchaffen. Man fleht leicht, dafs 
das ein ziemlich unfruchtbarer, unbefriedigender, einfeitiger und verkehrter Ver- 
fuch ifl, wenn man die höchfl einfachen Formen und Motive aus ihrem fehr 
befchränkten Material auf alle Zweige der Kunflinduflrie ausdehnen will, zumal 
auf Zweige, die wie die Goldfchmiedekunfl Feineres, Befferes, Reicheres zulaffen 
und verlangen.
	        
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