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II. Vorarbeiten.
doch die Conception einer Balmanlage heute weit schwieriger, als
ehedem, weil der Absolutismus des einzelnen Schienenweges ver
lorengegangen ist, und wir uns vielmehr inmitten des Wogengetriebes
der Concurrenz, also der Freiheit der Gedanken befinden.
Unter den drei Factoren aber, welche das Werden und das
Leben einer Eisenbahn bedingen, nämlich unter den Factoren der
geistigen Schaffung der Linie, der materiellen Ausführung der
selben. und des Betriebes des Schienenweges, spielt der erste
Factor, „dieConception des neuen Verkehrsweges“, die Hauptrolle.
Mehr als gerechtfertiget wird bei vielen Eisenbahnen, welche
nicht prosperiren, die unrichtige materielle Schaffung und Betrei
bung der Linie betont, während oft der ursprüngliche, geistige
Gedanke die Krankheit des Seins schuf. Die Conception aber lässt
sich niemals direct lehren, sie ist ein Kind höherer Sphäre, ent
rückt der Rohheit der Materie und lebensunfähig in dem Zwange
menschlicher Leidenschaft, und die rohe Energie und das brüske
Wollen genügt nicht, einer verfehlten Idee Leben einzuhauchen.
Die Lockspeise unserer Eisenbahnprogramme ist auch that-
sächlich in unseren Tagen schon derartig versalzen, dass wir sie
im Allgemeinen nur mit grosser Vorsicht berühren, den vorgeführ
ten Ziffern im voraus abhold sind und schon ein Unbehagen fühlen,
wenn uns das übliche Stichwort „Weltbahn“ vorgeführt wird.
Indess darf diese wirthschaftliche Krankheit unserer Zeit uns
nicht betäuben; denn Betrachtungen, wie wir sie früher schon vor-
geführt haben, weisen mit Nachdruck darauf hin, dass das Ver
kehrsmittel der Eisenbahnen noch lange nicht erschöpft ist, dass
grosse Aufgaben unser noch harren, und dass wir durch die Unbill
der Zeit einfach nur genöthiget werden, unsere geistige Vorarbeit
eines Schienenweges möglichst zu verfeinern.
Diese Sätze gelten nicht allein für das einzelne Land und
für das einzelne Reich, denn in jeder Provinz und in jedem Staate
gilt es noch, die Schienenlücken auszufüllen, die unser materielles
und unser geistiges Wohl tief empfindet, sondern sie gelten auch
in kosmopolitischem Sinne.
Und in diesem letzteren Sinne hat uns die Wiener Weltaus
stellung verschiedene Objecte zur Betrachtung geboten, von denen
wir die folgenden hervorheben wollen.