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Full text : Die bildenden Künste der Gegenwart, Wiener Weltausstellung Heft 2

120  Gruppe  XXV.  Die  bildenden  Künste  der  Gegenwart.
Composition  wirken  erfreulich.  Als  Beispiel  mögen  nur  Blanchard’s
Seiltänzer,  Bourgeois’  Schlangenbeschwörer,  Sanson’s  Tänzer  genannt ­
  sein.  Unter  den  Bildhauern,  die  noch  an  der  Antike  festhalten,
sind  namentlich  hervorzuheben:  Perrand:  die  Kindheit  des  Bacchus
Hiolle:  Anon  auf  dem  Delphin,  Millet:  Ariadne,  und  Barrias:  der
Schwur  des  Spartacus.  Besonders  in  dem  letztem  Werke  ist  der  dankbare ­
  Effect,  der  in  der  engsten  Verbindung  scharfer  Contraste  liegt  (ein
rischer  Jünglingskörper  und  ein  Leichnam,  eine  energische  Lebenskraft
und  ein  gebrochenes  Dasein)  vollständig  ausgebeutet.  Aufmerksamkeit
verdient  noch  die  Richtung,  welche  Paul  Dubois  in  seinem  Johannes
c  er  Täufer  uhd  seinem  florentinischen  Sänger  eingeschlagen  hat.  Wie
Andere  von  der  Antike  ausgehen,  so  fusst  Dubois  auf  der  Renaissance
des  lo.  Jahrhunderts.  Die  herberen  Formen,  die  grössere  Bewegtheit,
dm  energischere  Naturwahrheit  derselben  sind  sein  Ideal,,  welches  er
namentlich  in  dem  florentinischen  Sänger  mit  Erfolg  wiedergiebt.  Man
kann  diesen  Versuch,  auf  die  Renaissance  zurückzugehen,  nur  loben,
denn  hier  allein  zeigt  sich  ein  Ausweg  aus  der  Verwirrung  heraus’
c  er  unsere  Sculptur  und  die  französische  zumeist  verfallen  ist  und
welche,  wenn  nicht  wieder  bald  eine  feste  Richtschnur  gewonnen  wird,
die  Kunst  mit  völliger  Anarchie  bedroht.  Die  bedenklichen  Seiten  der
französischen  Sculptur  sind  auch  auf  der  Wiener  Ausstellung  stark
hervorgetreten,  die  Mehrzahl  der  ausgestellten  Werke  gehört  zwar  dem
vorigen  Jahrzehnte  an  und  ist  bereits  von  früheren  Pariser  Ausstellungen
bekannt;  doch  dürften  die  Bedenken  die  Gegenwart  nicht  weniger
treffen  als  die  Zeit  vor  dem  Kriege.  Seihst  von  der  französischen  Kritik
ist  darüber  Klage  geführt  worden,  dass  die  Bildhauer  dem  Reizenden
den  "Vorzug  vor  dem  Schönen  geben  undaus  diesem  Grunde  die  halbentwickelten ­
  Körperformen,  wie  sie  für  den  Uebergang  aus  dem
Knaben-  und  Mädchenalter  in  das  Männliche  und  Jungfräuliche  charakteristisch ­
  sind,  mit  Vorliebe  behandeln.  Dadurch  kommt  in  die  Plastik
ein  Zug  sinnlichen  Raffinements,  der  an  das  Widerliche  streift.  Auch  die
Jagd  auf  bizarre  und  seltsame  Motive  muss  unter  den  Zeichen  des
ungesunden  Zustandes  der  französischen  Plastik  aufgezählt  werden,
wie  sich  dieselbe  zum  Beispiel  in  Hebert’s  Gruppe  der  Verlobten  (der
Tod  ein  Mädchen  umarmend)  ausspricht.  Schlimmer  als  diese  aus  Gedankenlosigkeit ­
  entsprungene  Sucht  grob  Auffallendes  darzustellen,
die  vorläufig  doch  nur  vereinzelt  auftaucht,  ist  die  immer  mehr  herrschende ­
  Neigung  durch  technische  Virtuosität  zu  glänzen.  Es  überschreitet. ­
  das  Maass  des  plastisch  Zulässigen,  wie  Delaplanche  die
AVeichheit  der  Haut  hei  nackten  Figuren  wiedergiebt,  wie  Carpeaux
in  seinen  Köpfen  auf  malerischen  Schein  ausgeht,  wie  von  anderen
Künstlern  durch  die  Zusammensetzung  ihrer  Statuen  und  Büsten  aus
verschiedenem  Material  grelle  Effecte  erzielt  werden.  Was  soll  man
vollends  dazu  sagen,  dass  der  allerdings  stets  über  Gebühr  geschätzte
            
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