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Full text : Die bildenden Künste der Gegenwart, Wiener Weltausstellung Heft 2

130  Gruppe  XXV.  Die  bildenden  Künste  der  Gegenwart.
und  eine  poetische  Verklärung  des  Landlebens  anstellte.  Millet  ist
es  ausscklissslich  um  den  reinen  Schein  der  Wirklichkeit  zu  thun,  idyllische ­
  Züge  einzuflechten  überlässt  er  anderen  Malern.  Doch  sind
solche  in  Frankreich  verhältnissmässig  selten  anzutreffen  und,  bezeichnend ­
  genug,  die  Maler,  welche  das  Landleben  idealisiren,  die  Provinzialsitten ­
  in  ihrer  naiven  Eigenthümlichkeit  liebevoll  auffassen,  sind  in  der
Mehrzahl  im  Eisass  geboren  und  zeichnen  elsässisches  Leben.  Brion’s,
Jundt’s,  Marchal’s  Bilder  sind  bekannt  genug  und  auch  in  ihrem
Werthe  anerkannt,  so  dass  eine  eingehende  Besprechung  hier  überflüssig ­
  erscheint,  zumal  diese  Gattung  der  Malerei  keinen  specifisch  französischen ­
  Charakter  an  sich  trägt,  vielmehr  in  ganz  Europa  heimisch
ist,  überall,  wo  die  wuchernde  städtische  Cultur  nach  einer  Reaction
verlangt,  willkommen  geheissen  wird.  Ueberhaupt  dürfte  es  bei  dem
Umstande,  dass  so  viele  in  der  französischen  Abtheilung  ausgestellte
Bilder  schon  auf  früheren  Expositionen  glänzten,  schwer  halten,  neue
Seiten  der  französischen  Kunst  zu  entdecken,  nicht  schon  oft  und  längst
Gesagtes  zu  wiederholen.  Meissonier’s  hervorragende  Stellung  nicht
bloss  im  Kreise  seiner  Landsleute,  wird  auf  der  Wiener  Ausstellung  nur
aufs  Neue  bestätigt.  Ausser  seinem  Soldatenbilde  war  er  noch  durch
sechs  reizende  Cabinetstücke  vertreten.  Ohne  gerade  auf  die  Virtuosität ­
  des  Colorits  den  Hauptnachdruck  zu  legen,  weiss  er  doch  der  Farbe
alle  Wirkung  abzugewinnen,  und  die  scharf  gezeichneten  kleinen  Figuren ­
  lebensvoll  zu  stimmen  und  ausdrucksvoll  zu  gestalten.  Meissonier
gehört  zu  den  wenigen  Künstlern,  deren  Fachtüchtigkeit  es  nicht
geschadet  hat,  dass  sie  geistreich  sind  und  fein  empfinden,  deren  Phantasie ­
  nicht  durch  technische  Arbeit  zusammengeschnürt  ist,  so  dass  sie
nur  einseitig  sich  bewegen  kann.  Ueber  Hebert’s  und  Bonnat’s
italienische  Bilder  ist  ebenfalls  schon  längst  das  endgiltige  Urtheil  gefällt. ­
  Während  der  erstere  sich  von  einem  einzigen,  allerdings  wirksamen ­
  Motive,  wie  die  Fieberschauer  die  Schönheit  Italiens  überschatten, ­
  nicht  lossagen  kann  und  deshalb  auf  die  Dauer  eintönig  wirkt,
lässt  Bonnat  die  Sonne  über  Italien  leuchten  und  verleiht  seinen  prächtigen ­
  farbenreichen  Typen  jene  fröhliche  Ungebundenheit,  um  welche
wir  die  südlichen  Völker  stets  beneiden  werden.  Bonnat’s  Bilder
,  (Non  prangere  und  Italia)  reihen  sich  dem  Besten  an,  womit  uns  die
Wiener  Ausstellung  erfreute.  Jules  Breton  mit  seinen  Erntebildern
ausArtoisj  die  Meister  der  Landschaftsmalerei  Corot,  Frangais,  Theodore ­
  Rousseau  und  seine  Anhänger,  der  als  Thiermaler  unerreichte
Troyon  bieten  keine  neue  Seiten,  an  welche  die  Erörterung  anknüpfen
könnte.  Man  merkt  auf  der  Wiener  Ausstellung  noch  nicht,  dass  die
unter  dem  Namen  paysage  intime  bekannte  Richtung  ihre  Anziehungskraft ­
  verloren  hat.  Es  wird  aber  schwerlich  mehr  lange  dauern,  dass
das  decorative  Princip  in  der  Landschaftsmalerei  wieder  zur  Geltung
kommt.  So  gross  die  malerische  Wirkung  ist,  die  in  der  jetzt  vorherr-
            
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