134 Gruppe XX\. Die bildenden Künste der Gegenwart.
ander erblickt. Als Decorationsarbeiten üben sie mir in einer bestimm-
ten Umgebung ihre volle Wirkung, und jedes dieser Bilder verlangt
überdies eine andere Umgebung. -Erst wenn die Tapeten des kleinen
Salons oder Boudoirs, die Portieren, die Vorhänge nach Farbe und
Muster uberemstimmen, auch die Meubel gut gewählt und geordnet sind
gewinnen die Bilder von Stevens ihren hauptsächlichen Beiz und die
Kunst des Malers ihren vollen Werth. Ob eine Kunstweise aber hohe
chtung verdient, die freiwillig auf jeden geistigen Gehalt verzichtet,
und sieh begnügt, als Augenkitzel zu dienen, steht dahin. Eine chi
nesische emaillirte Platte an die Stelle eines Bildes von Stevens ge
setzt, würde nicht immer gleich als Verwechslung bemerkt werden.
Die Vertretung der belgischen Altmeister: Wappers, de Keyser
de Ehefve, Gallait ist in der Wiener Ausstellung gar dürftig ausge
fallen. Dem Ruhme Gallait’s insbesondere wäre es zuträglich gewesen
wenn sein Papstportrait und seine beiden allegorischen Bilder: Krieg
und Frieden unsichtbar geblieben wären. Ein so trübseliger Rückgang
künstlerischer Kraft ist nur selten erblickt worden. Aus dem jüngeren
belgischen Malergeschlechte ragt E. Wauters allein hervor Maria
von Burgund vor den Schöffen von Gent und der wahnsinnige Hugo
van der Goes, die beiden von ihm ausgestellten Bilder, zeigen eine
solide Technik und eine ernst-würdige Auffassung, die bei der sonst viel
fach herrschenden Trivialität doppelt erfreulich wirkt.
Dm holländische Abtheilung, ausschliesslich aus Gemälden
bestehend, giebt zu geringeren Enttäuschungen Anlass, weil man ihr
mit keinen grossen Erwartungen entgegensieht. Die künstlerische
Production ist hier überhaupt seit langer Zeit in Abnahme begriffen
was sie allem kräftigen könnte, die feste Anlehnung an die altheimi-
schen Muster, findet sich nur spärlich vor. Einzelne Landschaften
von Bilders zeigen vom Studium des Delft’sehen Jan van der Meer
die Farben in den Bildern II. Ten Kate’s, besonders sein Gelb und
Roth sind zuweilen so gemischt, dass sie ein ähnliches Aussehen wie
auf alten Gemälden empfangen. Von tieferen und weiteren Einwir
kungen ist sonst, wenig zu verspüren. Vollständigen Werth besitzen
die Archikteturbilder von 0. Springer in Amsterdam und Verveer
im Haag. Interesse erregen die auch im Farbentone ernst, fast düster
gehaltenen Schilderungen von Israels, insbesondere das unter dem
etwas gespreizten Titel: Durch Finsterniss zum Licht ausgestellte Bild
welches das ßegräbniss des Familienvaters und die Trauer und den
Trost der an der Wiege sitzenden, weinenden Wittwe darstellt. Auch Me-
lanchthon’s Predigt von ILA. van Trigt zeigt von gutem Talente. Ln
Ganzen und Grossen offenbaren die Proben holländischer Kunst kein
ausdrucksvolles, irgendwie bedeutsames Wesen.
Bei der Erwägung der Schicksale unserer Kunst in den letzten
Jahrzehnten kommt man unwillkürlich zu dem Glauben, dass ähnlich