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Full text : Die bildenden Künste der Gegenwart, Wiener Weltausstellung Heft 2

Gruppe  XXV.  Die  bildenden  Künste  der  Gegenwart.

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können.  Die  Praktiker  haben  sich  emancipirt  und  liefern  gegenwärtig ­
  Werke,  welche  nur  durch  die  virtuose  Behandlung  des  Materials
bedeutsam  sind.  Ehemals  begnügten  sich  Reisende  als  Andenken  an
ihren  Aufenthalt  in  Italien  die  stereotypen  Costümbilder  und  V  eduten,
welche  die  Malerindustrie  in  Rom  und  Neapel  fabricirte,  mitzunehmen.
An  ihre  Stelle  sind  nun  Marmorwerke  getreten,  die  ebenso  fabriksmässig
  für  den  Export  hergestellt  werden.  In  vielen  Ateliers  ist  die
vollständigste  Theilung  der  Arbeit  durchgeführt.  Die  Figur  oder  Gruppe,
deren  Inhalt  meistens  dem  gewöhnlichen  Tagesleben  entlehnt  ist,  geht
durch  zahlreiche  Hände  durch,  ehe  sie  fertig  in  den  Handel  kommt.
Der  eine  Gehilfe  macht  nur  die  nackten  Theile  des  Rumpfes,  der  andere
die  Köpfe,  der  dritte,  vierte  u.  s.  w.  die  Haare,  die  Gewänder,  das  Beiwerk ­
  u.  s.  w.  Dadurch  wird  eine  Vollendung  des  Einzelnen  .erzielt,
die  dem  Laien  das  grösste  Staunen  abzwingt,  Dünne  Schleier,  über
den  Kopf  und  Hals  geworfen,  können  nicht  naturwahrer  gebildet  werden, ­
  den  Bruch,  den  Glanz  und  den  Spiegel  der  Kleiderstoffe,  das  Weiche
und  Quellende  des  Fleisches  würde  kein  Maler  frappanter  wiedergeben.
Hat  man  aber  die  Technik  bewundert  und  was  Alles  aus  dem  har  en
Marmor  gezaubert  werden  könne,  überrascht  wahrgenommen,  so  bleibt
nichts  mehr  übrig,  was  einen  tieferen  Eindruck  erregt.  Diese  Marmorindustrie, ­
  von  welcher  die  Ausstellung  zahlreiche  Proben  zeigt,  wurde
hier  nicht  erwähnt  werden,  wenn  nicht  ihr  offenbarer  Einfluss  auf  die
italienische  Plastik  zahlreiche  Bedenken  wach  riefe.  Der  wenig  beschränkte ­
  Realismus  schöpft  seine  reichste  Nahrung  ans  der  Geschicklichkeit ­
  der  italienischen  Marmorarbeiter,  welchen  auch  die  feinste
Detaillirung  des  Ausdruckes  und  der  Bewegung  gelingt.  Die  lebensgrosse ­
  Statue  „Jenner,  am  eigenen  Kinde  die  Impfung  versuchend
von  Monteverde  in  Rom  ist  das  hervorragendste  Werk  diesei  Richtung. ­
  (Vela,  dessen  Napoleonsstatue  in  Paris  1867  so  grosses  Auf--
  sehen  erregte,  hat  nicht  ausgestellt.)  Vorgebeugt  sitzt  der  alte  Doctoi
Jenner,  das  Kind  auf  seinem  Schoosse  halb  zwischen  seine  Knie  gepresst; ­
  die  mit  der  Lanzette  bewaffnete  Rechte  sucht  die  Stelle,  wo  der
Impfstoff  am  besten  eingeritzt  werden  kann,  wahrend  die  andeie
Hand  den  Arm  des  ungeberdigen  Knaben  straff  hält  und  zur  Ruhe  zwingt.
Die  intensive  Aufmerksamkeit  des  Arztes,  die  Widerwilligkeit  des
Knaben  kann  kaum  lebendiger  geschildert  werden,  ebenso  naturwahi
ist  die  Stellung  und  Bewegung  der  beiden  Figuren,  dabei  das  Nackte
des  Knaben  ebenso  vortrefflich  nach  der  Wirklichkeit  reproducirt,  wie
die  Schuhe  und  Strümpfe  des  Vaters.  Dieses  Alles  kann  aber  die
gründliche  Hässlichkeit  der  Einzelformen  nicht  vergessen  machen,  die
um  so  zudringlicher  auftritt,  je  sorgfältiger  die  Ausführung,  je  mächtiger ­
  der  Umfang  des  Werkes  ist.  Die  Formenschonheit  sehen  wir
nicht  allein  als  das  Recht,  sondern  in  noch  höherem  Maasse  als  die  Pflicht
der  Plastik  an,  und  lassen  uns  von  diesem  Grundsätze  auch  nicht  durch
            
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