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Full text: Die bildenden Künste der Gegenwart, Wiener Weltausstellung Heft 2

Gruppe XXV. Die bildenden Künste der Gegenwart. 139 
vornehmsten Ausdrucksmittel der Kunst, es wird auch das Virtuosen 
thum in der Farbengebung angestreht, dabei im weiten Umkreis des 
vergangenen und gegenwärtigen Lebens Alles aufgesucht, was an 
malerisch dankbaren Motiven in demselben geboten wird. Der Künst 
ler, welcher sich solche Ziele setzt, muss über einen reichen Anschauungs 
kreis gebieten, tiefer in das Leben tauchen, eine grössere Mannigfal 
tigkeit von Formen und Gestalten an sich vorüberziehen lassen, früh 
zeitig schon über die Mittel seiner Kunst gebieten, Hand, Auge und 
Phantasie schärfen und ausbilden. Lernt er dieses Alles bei uns in 
seinen Jugendjahren? Wir beobachten bei unseren jungen Künstlern 
vielfach eine Vorliebe für eine abgeschlossene Lebensweise, die am 
meisten an unsere Studentenverfassungen erinnert; wir reden ohne 
Arg von Malercolonien, die sich da und dort angesiedelt haben und für 
sich in eng abgestecktem Kreise ein fröhliches Dasein feiern, wir finden es 
endlich begreiflich, dass das ideale Wesen der Kunst sich auch in den 
persönlichen Verhältnissen des Künstlers selbst während seiner Lehrzeit 
offenbare. Dadurch wird erreicht, dass die letztere in der Erinnerung 
auch der spätesten Jahre als der glücklichste Lebensabschnitt nachklingt, 
aber auf die technische Ausbildung wirkt diese ungebundene Lehrzeit 
nicht immer förderlich, und bleibt der Künstler längere Zeit in diesem 
Kreise gebannt, so droht ihm die Gefahr, niemals zu voller Selbst 
ständigkeit zu gelangen und was er allein werth sei und zu leisten 
vermöge, zu erkennen. Und doch ist die sichere Schule und die feste 
Individualität die wichtigste Bedingung, um in der von unserer Kunst 
eingeschlagenen coloristischen Richtung grösseren Erfolg zu erringen. 
Noch eine andere Thatsache verdient erwähnt zu werden. Die Mehr 
zahl unserer Maler wendet sich erst verhältnissmässig spat zur Kunst 
als Fachberuf. _ . , 
Die socialen Einrichtungen, nicht in letzter Linie der Wunsc , 
jenes Maass von Bildung sich zu verschaffen, welches die Erfüllung der 
Wehrpflicht als. „Einjährig-Freiwilliger“ gestatte, bringen es mit sic , 
dass viele unserer Maler mit der gleichen geistigen Reife, in die Kunst 
schule eintreten, welche das Universitätsstudium erfordert. Statistische 
Belege liegen für diese Behauptung nicht vor, sie würden sie aber 
schwerlich Lügen strafen. Die natürliche Folge dieser Zustände ist 
das entschiedene Ueberwiegen des Wissens über das technische Können, 
welches nur selten und mit grosser Mühe aufgehoben werden kann. 
Die Mehrzahl unserer Maler zeichnen sich vor den Künstlern anderer 
Völker durch den Reichthum und die Beweglichkeit ihrer Gedankenwelt, 
durch die Grösse ihrer Intentionen, durch den ernsten Glauben an die 
hohe Würde der Kunst aus. Dieses Alles geht gewöhnlich der tech 
nischen Reife voran und lässt die technische Durchbildung nur zu häufig 
als eine leidige Nothwendigkeit erscheinen, deren man freilich nicht 
entrathen kann, welche man aber nicht mehr mit naiver Liebe treibt.
	        
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