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Full text : Die bildenden Künste der Gegenwart, Wiener Weltausstellung Heft 2

Gruppe  XXV.  ’  Die  bildenden  Künste  der  Gegenwart.  143
und  sie  mit  den  Farben  vergangener  Zeiten  bekleiden,  greifen  die  Genremaler ­
  mit  kecker  Hand  in  dieselbe  und  holen  eine  unerschöpfliche  Reihe
künstlerischer  Anregungen  heraus.  Nur  wenden  sie  sich  nicht  an  die
gleichen  Gestaltenkreise  wie  die  Portraitmaler.  Es  ist  die  Kinderwelt,
die  unteren  Volksschichten,  die  Landleute,  Gebirgsbewohner,  jene
Kreise,  in  welchen  noch  festgefügte  Sitten  herrschen,  die  einfache  Natürlichkeit ­
  der  Empfindungen  und  Bewegungen  sich  nicht  verloren,  die
ausgleichende  Cultur  die  besonderen  Charaktere  noch  nicht  verwischt
hat,  mit  denen  ihre  Phantasie  am  liebsten  verkehrt.  Die  Genremalerei
umfasst  nicht  allein  das  Beste,  was  deutsche  Maler  in  den  letzten  Jahren
geschaffen,  sie  bewahrt  auch  die  grösste  Eigenthümlichkeit  und  unterscheidet ­
  uns  am  meisten  von  den  anderen  Kunstvölkern  —  England
ausgenommen.  Unsere  Genremaler  legen  ein  nicht  geringes  Gewicht
auf  den  Gegenstand  der  Darstellung.  Es  soll  ihnen  derselbe  nicht
allein  Anlass  geben,  ihre  technische  Kunst  zu  zeigen,  sondern  auch  an
und  für  sich  Gefallen  erregen,  die  Gedanken  des  Beschauers  beschäftigen,
seine  Empfindungen  reizen.  Vom  eigentlichen  Erfinden  der  Gegenstände ­
  der  Darstellung  kann  in  unserer  Genremalerei  nicht  füglich  die
Rede  sein,  da  der  Künstler  überall  von  einer  liebevollen  und  eingehenden ­
  Naturbetrachtung  ausgeht,  er  selbst  in  unscheinbaren  Vorgängen
des  wirklichen  Lebens  so  viel  des  Anziehenden  und  Anmuthigen  erblickt. ­
  Wohl  aber  überrascht  die  Unermüdlichkeit  im  Finden  neuer
Bildxnotive.  Würde  man  dieselben  zusammenstellen,  man  würde
staunen,  welch  weite  Welt  dieselben  umfassen,  und  das  Staunen  steigert
sich  noch,  wenn  man  erwägt,  wie  selten  trotz  dieser  Fülle  und  Mannig
faltigkeit  des  Inhalts  der  poetische  Anklang  fehlt.  Von  dem  heiteren
Spiele  des  Kindes,  dem  ungebundenen  Treiben  des  Buben,  dem  ersten
seligen  Ahnen  des  Mädchens  bleibt  nichts,  was  das  Kleinleben  des
Volkes  an  Leid  und  Lust,  an  Scherz  und  Ernst  bietet,  unvergessen,
bleibt  keine  Empfindung  vom  derb  Komischen  bis  zu  dem  Herben  und
Tragischen  unberührt.  Das  Colorit  unterordnet  sich  der  psychologischen
und  physiognomischen  Schilderung,  so  dass  auf  die  Wahrheit  und  Schärfe
der  letzteren  der  Hauptnachdruck  gelegt  wird,  doch  ist  bei  den  besseren ­
  Werken  die  sorgsame  Pflege  des  ersteren  Ausdrucksmittels  bemerkbar. ­
  Den  novellistischen  Ton,  der  jetzt  in  der  deutschen  Kunst  so  reich
klingt,  hat  David  Wilkie  bekanntlich  zuerst  angeschlagen.  Es  wäre
interessant  zu  erfahren,  ob  er  einen  unmittelbaren  Einfluss  auf  unsere
Genremalerei  übte,  was  bei  der  weiten  Verbreitung  der  Kupferstiche
nach  den  Bildern  Wilkie’s  nicht  unmöglich  wäre,  oder  ob  die  unleugbare ­
  Verwandtschaft  zwischen  der  englischen  und  deutschen  Auffassung
auf  der  fernen  Stammesgemeinschaft  beruhe.  Gegenwärtig  ist  diese
Richtung  bei  uns  allgemein  verbreitet.  Alle  Vororte  deutschen  Kunstlebens, ­
  Düsseldorf,  wie  Berlin,  wie  München  haben  gleichen  Antheil  an
dem  Ruhme,  die  Genremalerei  zu  dem  Lieblingszweige  deutscher  Kunst,
            
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