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Full text : Die bildenden Künste der Gegenwart, Wiener Weltausstellung Heft 2

144  Gruppe  XXV.  Die  bildenden  Künste  'der  Gegenwart.
zu  einer  wahren  Hauskunst,  die  wir  so  wenig  entbehren  können  als
die  Hausmusik,  entwickelt  zu  haben.  Knaus  in  Düsseldorf  bewährte
sich  auch  auf  der  Wiener  Ausstellung  als  der  hervorragendste  Meister,
dem  Niemand  gleichkommt,  welcher  frischen  Humor  (im  Freibeuter),  feine
Charakteristik  (Bauernberathung  im  Schwarzwald)  und  tragischen  Ernst
(Leichenbegängniss)  mit  gleicher  Vollendung  zu  verkörpern  versteht.
Von  den  Düsseldorfer  Künstlern  waren  ausserdem  Vautier,  der  in  der
Schweizer  Abtheilnng  ausstellte,  C.  Hoff,  Geertz,  C.  Hübner,  Salentin
  gut  vertreten.  Riefstahl  in  Carlsruhe  bewährte  seinen  alten
Ruf  als  ein  Künstler  voll  ernster,  ruhig  würdiger  Empfindung.  Aus
München  begrüsste  uns  eine  grosse  Schaar  lustiger  Gesellen,  die  einen
guten  Blick  für  die  Sonnenseiten  des  Volkslebens  besitzen  und  dem
Beschauer  gern  ein  gemüthliches  Lächeln  entlocken.  Deffregger’s
Tirolerbilder  athmen  eine  so  überwältigende  Lebenskraft,  eine  so  unmittelbare ­
  Wahrheit,  dass  man  den  dumpfen  Ton  des  Colorits  kaum
bemerkt.  Ihm  steht  am  nächsten  Mathias  Schmidt.  Auch  Epp,
Grützner,  R.  S.  Zimmermann  u.  A.  fanden  zahlreiche  Freunde.
Die  Berliner  Künstlergenossenschaft  gewinnt  von  Jahr  zu  Jahr  immer
mehr  an  Umfang  und  Bedeutung.  Ein  einigendes  Band  kann  man
nicht  wahrnehmen,  eine  Localtradition  nur  ausnahmsweise  bemerken.
Den  einzelnen  Individuen  ist  der  freieste  Spielraum  vergönnt,  für  die
Ausbildung  von  Specialitäten  der  Boden  mehr  als  anderwärts  vorbereitet.
Die  verschiedenartigsten  Richtungen  finden  hier  eine  gleichmässige
Vertretung,  alle  Zweige  der  Malerei  eifrige  Pflege.  Man  braucht  nur
an  A.  Menzel  und  Bleibtreu,  die  am  festesten  mit  dem  preussischen
  Boden  und  Leben  verwachsen  sind,  an  Heim  eb  er  g  und  Spangenberg, ­
  an  Gentz  und  Hertel,  an  August  v.  Heyden  und
G.  Richter,  an  die  beiden  Meyer  heim,  an  Otto  Heyden  und
Schräder,  an  Graeb  und  Brendel  zu  erinnern,  um  den  weitumfassenden ­
  Reichthum  der  Berliner  Kunst  zu  erkennen.  Französische
Einflüsse,  Cultus  des  Orients,  die  Begeisterung  für  nationale  Grossthaten,
  die  deutsche  Märchenwelt,  die  Hinneigung  zum  Phantastischen
kreuzen  sich  mannigfach  und  geben  ein  buntes  Bild,  in  welches  wohl
erst  dann  ein  bestimmender  Hauptton  fallen  wird,  bis  entschieden  ist,
in  wieweit  die  Kunst  zu-  den  vom  Staate  geschützten  ^und  gepflegten
Gütern  gerechnet  werden  kann.
Die  Proben  der  Rührigkeit  des  jüngeren  Künstlergeschlechts  reichten
nicht  hin,  die  Lücken  in  der  Vertretung  der  älteren  Meister  zu  verdecken. ­
  Ihre  Theilnahme  würde  der  deutschen  Abtheilung  einen  ganz
anderen  Charakter  verliehen  und  die  Eigenthümlichkeit  unserer  Kunst
in  ein  helleres  Licht  gesetzt  haben.  Von  Bendeman  war  „dieWegführung ­
  der  Juden  in  die  babylonische  Gefangenschaft“  ausgestellt,
Lessing,  Andreas  und  Oswald  Achenbach  waren  jeder  durch
<  ein  paar  Bilder  in  durchaus  ungeeigneter  Weise  repräsentirt.  Eine
            
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