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Full text: Die bildenden Künste der Gegenwart, Wiener Weltausstellung Heft 2

Gruppe XXV. Die bildenden Künste der Gegenwart. 145 
reichere Zahl ihrer Werke hätten wir um so lieber erblickt, als die 
Landschaftsmalerei sonst, von einzelnen Nachahmungen der französi 
schen Manier abgesehen, vielfach nur nichtssagendes Mittelgut zeigte. 
Eine neue Erscheinung, die Aufmerksamkeit weckt und auch verdient, 
war vielen Besuchern der Ausstellung der in Düsseldorf gebildete 
Deutschrusse v. G e b h a r d t. Wie so manche denkende Künstler früherer 
Zeit fesselt auch ihn das Problem der Wiederbelebung der religiösen 
Malerei. Die alte Bedeutung kann dieselbe zwar niemals wieder er 
ringen, da ehedem in ihrem Rahmen Alles, was die Menschenblust be 
wegt, freudig oder leidvoll stimmt, eingespaniit war, jetzt aber ein 
reicher Inhalt des menschlichen Lebens einer selbstständigen "V erkläiung 
durch die Kunst sich erfreut. Es bedarf z. B. nicht mehr des Madonnen 
typus, um uns Mutterglück und Mutterfreude zu schildern; die Hirten 
von Bethlehem müssen nicht nothwendig auftreten, um uns eine länd 
liche Idylle vorzuführen u. s. w. Dennoch wäre es zu beklagen, wenn 
die religiöse Kunst in der Kirchenmalerei, welche in enge Grenzen ge 
bannt ist, verknöcherte. Selbst für die Gläubigen sind die Thaten 
Christi nicht an eine beschränkte historische Erscheinungsform ge 
bunden, ihre unendliche Bedeutung, ihre ewige Geltung spricht die 
Phantasie in der Form aus, dass sie dieselben sich unmittelbar gegen 
wärtig vorstellt — den alten Niederländern erschienen die biblischen 
Gestalten als derbe Holländer — Personen aber, in denen religiöse Em 
pfindungen den Kunstgenuss nicht begleiten, muss der menschliche 
Kern, den die biblischen Scenen in so reichem Maasse in sich bergen, 
fesseln. Gebhardt versucht beide Richtungen zu versöhnen. Er 
entkleidet die heiligen Gestalten des idealen Schimmers, lässt 
Christus und Christi Jünger, einfach menschlich auftreten, überträgt 
die Handlung in die altdeutsche Zeit, so dass wir uns durchaus hei- 
mathlich fühlen und in unserem Lebenskreise beharren. Wie gelangen 
wir aber dazu, dass wir das Abendmahl Christi, welches er uns schil 
dern will, nicht mit einer gewöhnlichen Mahlzeit verwechseln? Die 
Uebereinstimmung iii der Zahl der Personen, die übliche Gruppirung, 
sind nur äusserliche Hilfen, die ein tüchtiger Künstler verschmäht. 
Hier muss nun die ernste Haltung, die scharfe Charakteristik, die 
coloristische Behandlung das Führeramt übernehmen und den Beschauer 
in der Richtung seiner Gedanken bestimmen. Bei dem Abendmahle 
ist dieses dem Künstler bei aller Schlichtheit und Einfachheit der 
Darstellung gut gelungen; ob dieses auch in anderen Fällen zutreffen, 
nicht die genremässige Auffassung die Natur der biblischen Stoffe 
fremd färben wird, darüber zu grübeln ist nicht an der Zeit. Zunächst 
ist der Ausdruck der Freude vollberechtigt, dass es muthige Künstlei 
giebt, welche sich eigene Wege bahnen. 
Hätte AdolfHildebrand seinen „schlafendenHirten“ und seinen 
„Trinker“ statt im österreichischen Museum in der Kunsthalle des 
Wiener Weltausstellung. I. 10
	        
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