508 Gruppe V. Textil- und Bekleidungs - Industrie.
Haus repräsentirte die Höhe der Baumwollindustrie im Bezirke St.
Quentin, sowohl durch die ausgezeichnetsten, bis dahin in einer sol
chen Vollkommenheit nicht gesehenen broehirten Gewebe zu Kragen,
Hemdeinsätzen und Vorhemden, als durch die Verarbeitung der fein
sten Garnnummern auf mechanischen Stühlen. Unter anderen mit
der grössten Meisterschaft ausgeführten durchbrochenen Geweben war
eines in einer Breite von circa 4 Meter vorhanden und darf man wohl
behaupten, dass die Fabrikate dieses Hauses keinen Rivalen in der
Ausstellung gefunden haben.
Die Piqueweberei von St. Quentin verdient gleichfalls die volle An
erkennung, ebenso die ihr verwandte Damastweberei, welche hier auf
einer hohen Stufe der Vollkommenheit sich befindet und durch den
schönen Appret besonders ausgezeichnet ist. Von den auf der Pariser
Ausstellung vertretenen Amiensvelvets war in Wien nichts ausgestellt.
Unübertroffen steht die Weberei undichter Stoffe, deren Centralerzeu-
gunspunkt Tarare ist, da. Sowohl die Collectivausstellung von
Tarare als auch die Ausstellungen einzelner Fabrikanten zeich
neten sich in Wien durch die Menge und grosse Auswahl der
schönsten, elegantesten und billigsten Kleiderstoffe aus. Nicht nur
die glatten und gefärbten Stoffe, wie Musseiines, Tarlatans, Mulls wa
ren von seltener Accuratesse, Farbenschönheit und Appretur, sondern
besonders die bordirten und bunten Sachen gaben durch Geschmack
und Ausführung unverkennbare Beweise des seit 1867 stattgefunde
nen Fortschrittes. Insbesondere heben wir die Fabrikate der Firmen
C. A.Ruffier-Leutner und Thivel - Michon hervor, welche das Beste
und Feinste (sie verweben Garne bis Nro. 700) namentlich in brochir-
ten und feinen Stoffen, welche für Ball- und Sommer-Damentoiletten
vex-wendet werden, ausgestellt hatten.
Die ganze Industrie Tarares beruht auf Handweberei, welche an
50 000 Arbeiter beschäftigt. Tarare selbst ist nicht als Fabx-ikort zu
betrachten, sondern nur als Abfertigungs- und Verkaufsplatz. Die Garne
werden daselbst ausgegeben und von den Landbewohnern, welche
grösstentheils neben der Weberei auch Ackerwirthschaft betreiben, nach
Angaben und oft auf den Webstühlen der Arbeitgeber gefei-tigt; ruht
die Landwirthschaft, so erweitert sich die Production, sie beschränkt
sich dagegen, wenn die Feldarbeit die Kräfte mehr in Anspruch nimmt.
Die Weber in Tarare zeichnen sich durch Geschicklichkeit und guten
Geschmack aus. Neben der Handweberei hat sich indess auch die
Maschinenweberei einzuführen begonnen. Neben Weberei ist auch
treffliche Bleiche, Färberei und vor Allem Appretur zu loben. Bei
dem grossen Umfange der Tararer Industrie konnten grosse Etablisse
ments ihre ganze Intelligenz und Kraft den letzteren Unternehmungen
allein zuwenden und gab die Wiener Ausstellung ein deutliches Bild
ihrer ausserordentlichen Leistungsfähigkeit auf diesem Gebiete. In be-