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Full text: Textil- und Bekleidungs-Industrie, Wiener Weltausstellung Heft 5

Section III. Leinenwaaren. Gespinnste aus Flachs etc. 529 
1810 von Philippe de Girard auf das Glücklichste gelöst. Wenn auch 
dem Erfinder der erhoffte Lohn entging, so machte doch seine Maschine 
ihre Wanderung durch alle flachsspinnenden Länder und ist von wesent 
lichstem Einfluss auf das Emporblühen dieser Industrie geworden. Be 
reits 1831 zählte man in Leeds 189 000 mechanische Flachsspindeln; im 
Jahre 1871 waren in Grossbritannien deren 1 620 547 in Betrieb. 
Im Allgemeinen ist in der Leinenindustrie in Folge der eigen- 
thümlichen in ihr 1 obwaltenden Verhältnisse die Einführung maschinaler 
Fortschritte langsamer und schwerer vor sich gegangen als in anderen 
Zweigen der Textilindustrie. Während heute sowohl hei der Wolle wie 
hei der Baumwolle die Maschinenspinnerei als vollständig durchgeführt, 
die mechanische Weberei als bei weitem die herrschende anzusehen ist, 
ist mit Ausnahme von Grossbritannien in der Leinenindustrie die Hand 
spinnerei neben der auf Maschinen in nicht unbedeutendem Maasse in 
Thätigkeit, der Handwebestuhl gegenüber der mechanischen Weberei 
in ansehnlichem Uebergewichte. Allerdings wird die Concnrrenz der 
Handarbeit mit den in immer grösserer Vollkommenheit ausgeführten 
Maschinen von Jahr zu Jahr schwieriger und auch in dieser Branche, 
die in mancher Beziehung noch Eigenthümlichkeiten der „guten alten 
Zeit“ zeigt, wird unsere moderne Productionsmethode zum vollstän 
digen Durchbruch kommen. 
Auf der Ausstellung war die Leinenindustrie in nicht genügender 
und besonders in ungleicher Weise erschienen. Grosshritannien, der weit 
aus erste Leinenproducent, hatte kaum einen Vertreter von Bedeutung 
gesandt, Frankreich hatte sich in äusserst schwacher Weise hetheiligt 
und aus Deutschland, welches zwar reichlicher gesandt, fehlten hervor 
ragende Firmen; neben Oesterreich war besonders Belgien gut vertreten. 
Der nachfolgende Bericht wird, um ein Bild des heutigen Standes der 
Leinenindustrie gehen zu können, wie bei den meisten anderen Bran 
chen der Textilindustrie, häufig über das auf der Ausstellung Erschienene 
ergänzend hinaus zu greifen haben. 
Gespinnste aus Flachs und Hanf. 
Unter den Garne producirenden Ländern steht in erster Linie 
Belgien. Dasselbe zeichnet sich durch seine vorzügliche Flachscultur 
vor allen anderen aus und hat auch auf der Ausstellung die hohe Vol 
lendung, welche es in der Leinenindustrie erreicht hat, in anschaulicher 
Weise bekundet. 
Die beiden Flachsspinnereien Societe liniere gantoise und So 
ciete liniere de la Lys, beide in Gent, von fast gleicher Grösse, zusam- 
menllO 000 Spindeln beschäftigend, hatten vortreffliche Sammlungen von 
Wiener Weltausstellung. I. 34
	        
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