538 Gruppe V. Textil- und Beldeidungs-Industrie.
Mit Freude bemerkten wir auf der Ausstellung, dass die angeführten
Ideen vielfach zum richtigen Ausdruck gekommen sind. Ganz besonders
interessant und als äusserst gelungen zu bezeichnen sind die Versuche,
das stereotype Reinweiss der Damaste durch buntgefärbte Bordüren zu
unterbrechen. Die in diesem Geschmack ausgeführten Fabrikate von
Aug. Küfferle&Co. in Freiwaldau (mit rothen, gelben und blauen Bor
düren), von J. Casse & fils in Lille (mitViolett,Roth, Gelb und Blau),
von Joseph Meyer in Dresden und Anderen zeigten, dass sich die
bunte Färbung in den Damasten in den verschiedenen Ländern geltend
zu machen anfängt, und ist zu wünschen, dass diese geschmackvolle
Neuerung den Beifall des kaufenden Publicums finde.
Auch in den Dessins, die allerdings noch zum grössten Theile von
naturalistischen Motiven und Gegenständen der Malerei überwuchert
sind — wir erinnern an Regenhart’s Heidenröslein, Pegler’s Jagd
stücke, Pro Iss’ orientalische Scenen und Aehnliehes ') — kommt mehr
und mehr die angemessene Geschmacksrichtung zur Geltung. Orna
mente, wie sie unser tüchtiger Fr iedr. Fisch bach in Hanau für Biele
feld, Joseph Meyer in Dresden nach Motiven des Hildesheimer Silber
fundes, Prölss und zahlreiche Andere ausgeführt haben, erfreuten sich
des Beifalls aller Gebildeten und werden erhöhte Anwendung erlangen.
Wenn wir zu der handgewobenen Leinwand und zu den leichteren
Geweben, Taschentüchern und dergleichen übergehen, so steht Irland in
erster Linie. Wohl kann man sagen, dass in einzelnen Zweigen der
Leinenindustrie Irland da und dort erreicht, ja übertroffen ist, aber im
Ganzen ist die irische Leinenindustrie die grossartigste der Welt und
ihre Fabrikate sind mustergültig. Der nächste Grund hiervon liegt
darin, dass Irland viel früher zur fabrikmässigen Herstellung der Ge-
spinnste und Gewebe aus Flachs übergegangen ist, als der Continent
von Europa; die irische Leinenindustrie ist also als Fabrikindustrie
älter als die des Continents und hat sich lange Zeit eines Gedeihens
und einer Bliithe erfreut, welche zu immer neuen Anstrengungen und
Opfern für die Vervollkommnung der Maschinen, der Bleichmethode,
und der geschmackvollen Ausrüstung für die verschiedensten Märkte
ermuthigte. Hierzu kommen die für die Bleiche sehr wichtigen Vor
theile des englischen Klimas mit kurzen, milden Wintern.
Von den vielen grossen Firmen Belfasts sind nur wenige auf
der Wiener Ausstellung erschienen, aber Fenton Son & Co., Dick-
sons, Ferguson & Co. und Jaffe Brothers sind Namen, die einen
weitverbreiteten Ruf haben, deren Ausstellungen die verschiedensten
l ) Wir müssen hier als gröbste Stillosigkeiten, welche gleichzeitig eine
vollständige Unkenntnis» in der Stoffbehandlung verriethen, die geschmack
losen Kaiserbilder in Plüschgeweben von Hermann Kaufmann’» Nach
folger in Berlin erwähnen; Ungeheuerlichkeiten, die keine Entschuldigung
zulassen und glücklicherweise einzig dastanden.