545
Section III. Leinenwaaren. Die Jute-Industrie.
und wird namentlich in Bengalen massenhaft gebaut. Die Pflanze wird
dort in ähnlicher Weise wie in Europa der Flachs und Hanf in jedem
Jahre neu ausgesäet, doch fordert die Zubereitung des Jute durch Rösteund
Reinigungsprocesse zum Zwecke des Verbrauches weniger Arbeit
als die Flachs- und Hanffaser.
Aber nicht allein die Faser der Pflanze und deren holziger Theil,
der circa 1 Zoll starke Stamm, sind von Werth, sondern auch die
Blätter derselben werden von den Eingeborenen Bengalens zu verschiedenen
Zwecken benutzt und namentlich als ein beliebtes Nahrungsmittel
geschätzt.
Die Aussaat erfolgt im Monat April oder Mai und wird durch die
um diese Zeit gewöhnlich vorherrschende nasse Witterung begünstigt.
Die Pflanze gebraucht circa 100 Tage von ihrer Aussaat bis zur Reife
und wird im Monat August geerntet.
Die Faser ist dem Manillahanf ähnlich, in Farbe etwas röthlichbraun,
nicht so grob, aber auch nicht so haltbar wie erstere; die Qualität
variirt hinsichtlich Feinheit und Haltbarkeit je nach der Beschaffenheit
des Bodens der verschiedenen Culturdistricte.
Die feinste Qualität ist Serajgunge, dann folgt Naraingunge und
als geringste Sorte Dowrajute. Die feinen Qualitäten zeichnen sich
namentlich durch eine helle, weissgelbliche, oft silbergraue Farbe und
Länge aus; es kommen darunter zuweilen Fasern in einer Länge von
14 Fuss engl. vor. Die ordinären Gattungen sind meist kurz, braun
| von Farbe mit hastigen Theilen behaftet und haben ganz grobe, lange,
holzartige, Wurzelenden.
Ein grosser Theil des in Bengalen gebaueten Jute wird seit unvordenklichen
Zeiten von den Hindus versponnen und verwebt
und bildet diese Industrie die hauptsächliche Beschäftigung aller der
volkreichen Districte in Niederbengalen. Man findet sie bei allen
Blassen der dortigen Hindubevölkerung, in jedem Hause, ganz in der
Weise, wie das früher in Deutschland volksthümlich gewesene Flachsspinnen.
Die Eingeborenen fertigen aus dem Jute verschiedene Gattungen
von Geweben, wovon viele gefärbt werden; einen Theil davon verweben
sie zu ihrer Kleidung, den grössten Theil aber zu Säcken für Reis,
Zucker, Baumwolle etc. und sind diese Säcke unter dem Namen: „Gunny-Bags“
im Handel als ein bedeutender ostindischer Exportartikel bekannt.
Nach Dr. J. Forbes Watson’s früheren Ermittelungen werden
in Ostindien circa 6 Millionen Centner Jutefaser producirt, wovon 1 / 3
zur Ausfuhr und 2 /s zur Anfertigung von „Gunny-Bags“ und anderen
Geweben Seitens der eingeborenen Bevölkerung gelangen.
Seit der Zeit, wo diese Ermittelungen stattgefunden, hat die Production
in bedeutendem Maasse zugenommen, denn es betrug allein die
Ausfuhr von Jute aus Calcutta
Wiener Weltausstellung. I.
35