b. Seidenwaare n.
Unter den Textilindustrien, welche ihre verschiedenen Producte
auf der Weltausstellung von 1873 in Wien zur Anschauung brachten,
ist wohl kaum eine zweite zu nennen, welche scheinbar so geringe Fortschritte
seit der letzten Pariser Ausstellung von 1867 aufweist, wie die
Seidenfabrikation. Für das Auge des gewöhnlichen Beobachters hat
sie in allen den Ländern, wo sie als wirkliche Industrie betrieben wird
und nicht als Treibhauspflanze, als Spielerei von Corporationen oder
Begierungen existirt, kaum irgend eine Verbesserung erfahren. Seitdem
die herrschende Mode in den letzten Jahren den Verbrauch an
einfachen Geweben entschieden begünstigt, seitdem das gemusterte Fabrikat
in den meisten Seidenstoffen, namentlich aber für das Frauenkleid
vernachlässigt blieb, erscheint die Fabrikation von Seidenstoffen,
mit welcher man ja die Vorstellung des Kostbaren , Prächtigen und in
die Augen Fallenden verbindet, eher im Rückschritt als im Fortschritt
begriffen. Die Klagen über Unsolidität der Seidengewebe, so allgemein
wie begründet, hervorgerufen durch künstliche Erschwerung der Seide
in der Farbe, unterstützt jenes Urtheil des grossen Publicums. Und
doch ist für den aufmerksamen Beobachter, den Kenner dieser Industrie,
ein allgemeiner Fortschritt in vielen Branchen derselben innerhalb der
letzten sieben Jahre zu constatiren, der um so bemerkenswerther wird,
je mehr er durch Verhältnisse erschwert wurde. Zu keiner Zeit hat
die Seidenfabrikation eine solche Ausdehnung wie innerhalb jenes Zeitraumes
erreicht, zu keiner Zeit aber stellten sich dem Fabrikanten dieser
Artikel durch die Unvollkommenheit des Rohmaterials, nicht minder
durch die Schwierigkeit in den Arbeitsverhältnissen grössere Hindernisse
in den Weg.
Gerade das Uni-Gewebe, wie es die Mode forderte, erheischt den
vollendetsten Rohstoff, die beste Verarbeitung desselben; es waren aber
die Folgen der- schon lange Jahre andauernden Krankheit des Seidenwurmes,
und der dadurch verfehlten europäischen Seidenernten noch
keineswegs beseitigt; daher blieb die Gewinnung guter Seiden noch
immer ausserordentlich schwierig.
Wiener Weltausstellung. I.
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