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Full text : Textil- und Bekleidungs-Industrie, Wiener Weltausstellung Heft 5

Section  V.  Posamentierarbeiten.  Die  Spitzen.  593
in  Sicilien  nach  Italien,  durch  die  Mauren  nach  Spanien,  um  schnell
ihren  Lauf  durch  ganz  Europa  zu  nehmen,  wo  diese  schöne  Fabrikation
erst  zur  vollen  Ausbildung  und  Entfaltung  gelangt  ist.  Hier  fand  die
Spitze  die  mannigfachste  Verwendung  in  immer  weiteren  Kreisen.
Durch  den  Mangel  an  Farbe  dem  Orientalen  weniger  sympathisch,  trifft
sie  die  Geschmacksrichtung  des  Europäers,  besonders  des  modernen,
gerade  durch  diese  Eigenthümlichkeit  und  erfreut  sich  einer  Beliebtheit,
eines  Ansehens  bei  Hoch  und  Niedrig,  wie  kein  anderer  Bekleidungsgegenstand; ­
  ihre  Prachtstücke  bilden  die  Augenweide  und  Sehnsucht
unserer  Damen.  In  ihrer  Anwendung  lassen  sich  die  Spitzen  unterscheiden ­
  in  solche,  die  ihrer  ursprünglichen  Bestimmung  gemäss  als
Besatz,  „Kante“,  figuriren,  und  in  der  Kegel  einen  Saum  mit  vortretenden ­
  „Spitzen“  („Zähnen,  dentelles“)  bilden,  und  in  solche,  die  in
grösseren  Stücken  zu  ganzen  Gewandungen:  Ueberwürfen,  Umhängen,
Shawls,  Schleiern  ünd  Aehnlichem  benutzt  werden.
Nach  ihrer  Technik  theilt  man  sie  in  Nadelspitzen  und  Klöppelspitzen. ­
  Erstere  werden  aus  freier  Hand  oder  in  Rahmen  mit  der
Nadel  hergestellt,  letztere  auf  dem  Kissen  mit  Hilfe  der  Klöppel.
Die  Nadelspitzen  oder  Guipures  bilden  die  ältesten  Spitzengattungen. ­
  Sie  werden  in  verschiedenen  Varietäten  angefertigt  und
führen  mannigfache  Namen:  Rosen-Points,  portugiesische  Points,  Points
von  Alengon  und  Brüsseler  Points.  Der  Grund  dieser  letzteren  ist  auf
dem  Kissen  vorgearbeitet  und  das  Muster  mit  der  Nadel  aus  freier
Hand  ausgeführt.
Die  Klöppelspitzen,  auch  Bobbinets  genannt,  sind  eine  Erfindung
der  neueren  Zeit.  Barbara  Uttmann  zu  Annaberg  in  Sachsen  wird
um  das  Jahr  1560  als  die  Erfinderin  genannt.  Auch  hier  bestehen
unter  den  verschiedensten  Bezeichnung'en  bekannte  Sorten,  als  da  sind  :
Valencienner-,  Chantilly-,  Honiton-,  Buckinghamshire  -  Spitzen,  Blonden
und  andere.
Nach  Erfindung  der  complicirteren  mechanischen  Stühle  für  die
Strumpfwirkerei  fing  man  an  auch  der  Fabrikation  der  Spitzen  auf
mechanischem  Wege  nachzudenken  und  bald  nach  der  Mitte  des  vorigen
Jahrhunderts  gelang  es  in  England  gitterartig  durchbrochene  Stoffe
auf  einem  mechanischen  Stuhle  herzustellen  ohne  jedoch  ein  dem  geklöppelten ­
  Spitzengrund  identisches  Gewebe  erzeugen  zu  können.  Erst  im
Anfänge  dieses  Jahrhunderts  gelang  es  John  Heathcoat  (1809)  einen
zur  Anfertigung  des  Spitzengrundes  geeigneten  Stuhl  zu  construiren,
der  den  Namen  Bobbinetmaschine  empfing  und  von  dem  Erfinder  und
zahlreichen  Anderen  in  den  folgenden  Jahrzehnten  wesentlich  verbessert ­
  wurde.  1835  begann  man  die  Jacquardmaschine  mit  demBobbinetstuhle
  zu  verbinden  und  denselben  dadurch  zur  Herstellung  gemusterter
Spitzen  geeignet  zu  machen.  Von  “England  fand  der  Bobbinetstuhl
Eingang  nach  Frankreich,  wodurch  der  Grund  zu  der  dortigen  Bobbi-Wiener
  Weltausstellung.  I.  oq
            
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