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Full text: Textil- und Bekleidungs-Industrie, Wiener Weltausstellung Heft 5

Section V. Posamentierarbeiten. Die Stickereien. 601 
werden, während die Stickerei einen fertigen Grundstoff voraussetzt, 
auf dem die Zeichnungen durch Aneinanderreihen von Fäden hervor 
gebracht werden. Die Elemente dieser Zeichnungen heissen Stiche; 
sie zerfallen in zwei verschiedene Gattungen, in Plattstiche und 
Kreuzstiche, deren erstere, aus der einfachenNath hervorgegangen, 
in der Nebeneinanderreihung gleichlaufender Stiche bestehen, während 
letztere die kreuzweise Ausfüllung Meiner Quadrate bezwecken. 
Die Kunst des Stickens ist uralt, die Verzierung der ältesten Stoffe 
geschah ausschliesslich durch sie; ja man wird vielfach an die Stickerei 
zu denken haben, wo die alten Ueberlieferungen uns von kunstvollen 
Webereien sprechen. Die älteste Stickmethode war .ohne Zweifel der 
Plattstich, da derselbe als Grundlage jeden beliebigen geschmeidigen 
Stoff, Leder, Felle, rohe Gewebe, gestattet, während der Kreuzstich 
stets eine netzförmige Unterlage (den Canevas, Stramin), also ein leichtes, 
regelmässig gearbeitetes Gewebe voraussetzt. 
Die Producte der Stickerei sind ausserordentlich mannigfach. 
Durch Anwendung der verschiedenen Grundstoffe: baumwollener, wol 
lener, leinener oder seidener Gewebe, von Leder und anderen wird den 
Stickereien ein eigenthümlicher Charakter aufgedrückt; dasselbe ist in 
noch viel höherem Maasse der Fall durch Wahl der mannigfachen 
Stickmaterialien, die wiederum, in verschiedenen Farben angewendet, 
unendliche Variationen erzeugen können. So unterscheidet man die 
Weissstickerei von der Buntsticker ei, während je nachdem die 
Stickereien direct auf dem Grundgewebe erzeugt oder noch eine Unter 
lage dazwischen gebracht wird, Flachstickereien und Reliefsticke 
reien entstehen. 
Die Anwendung von Stickereien ist eine ausserordentlich grosse. 
Im Orient sowohl wie in Europa bilden Stickereien eine der beliebtesten 
Verzierungen sämmtlicher textilen Stoffe und werden zum Theil in 
grösster Vollendung als Meisterstücke menschlicher Kunstfertigkeit 
dargestellt. Nach der Art ihrer Herstellung unterscheidet man die 
Stickereien in Handstickereien und Maschinenstickereien. Die 
Stickmaschine ist eine Erfindung der neueren Zeit. Sie wurde im 
Jahre 1829 von Heilmann in Mühlhausen erfunden und besteht in 
ihrem Princip aus einer oder mehreren Reihen zweispitziger, in der 
Mitte ihrer Länge das Oehr enthaltender Nadeln, welche den in einem 
Rahmen vertical aufgespannten Stoff durchstechen und nach regelrechter 
Verschiebung des letzteren — die ein Arbeiter nach Anweisung einer 
Vorzeichnung mittelst einer storchschnabelartigen Vorrichtung bewirkt — 
an andere Stellen zurückkehren. Diese Maschine, welche in England, 
Deutschland und der Schweiz vielfach verbessert wurde und heute einen 
ausserordentlich wirksamen Apparat bildet, hat die Plattstickerei zu 
einem hochbedeutenden Fabrikationszweig gemacht. Auf der Aus 
stellung war dieselbe in wesentlich vervollkommneter Gestalt von der
	        
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