Section I. Schafwollwaaren. a. Garne und Gewebe etc, 437
Appretur, die Ausstellung glänzend; vorzüglich in den Leistungen von
Johann Liebieg &Co. undFranzLiebieg sowie vonFr. Schmitt.
In den grossen in verschiedenen Orten Böhmens erbaueten Etablisse
ments dieser Firmen werden ausser mechanischer und, Handweberei
auch Spinnerei, Druckerei und Appretur betrieben. Billige Arbeits
löhne gewähren den österreichischen Fabriken grösseren Verdienst.
Durch den Mangel an Capital und Speculation in den ausserdeutschen
Provinzen Oesterreichs ist dem Fabrikanten zudem ein weiter Spielraum
für seine durch höhere Zölle geschützte Thätigkeit gesichert. Selbst
ausserhalb der Zollgrenzen ist er in einzelnen Artikeln, namentlich
gedruckten Tüchern, ein gefährlicher Concurrent, vorzüglich wenn niedri
ges Agio seine Productionskosten verhältnissmässig verringert. Joh.
Liebieg & Co., deren schon oft bei den früheren Ausstellungen Er
wähnung geschehen, vereinigen in schöner und grossartiger Ausstellung
die mannigfachsten wollenen und halbwollenen Stoffe und Tücher aus
ihren verschiedenen Etablissements. Fr. Schmitt von Bohm.-Aicha,
welcher in den letzten Jahren seinem Geschäft eine steigende Ausdeh
nung gegeben hat, beschäftigt in Aicha und in seiner Zweigniederlassung
in Semil über 3000 Arbeiter. Er besitzt eine mechanische Weberei
von 1270 Stühlen, Färberei, Druckerei und Appretur, ausserdem eine
Baumwollspinnerei mit 40000 Spindeln. Die Arbeiter wohnen in den
Häusern der Fabrik; eigene Brotbäckereien und Speiseanstalten geben
die Nahrungsmittel zum Kostenpreis, Fabrikschulen, Bildungsvereme,
Kranken- und Pensionscassen fehlen nicht, selbst Kindergarten sind
proiectirt, - kurz, es bestehen grossartige patriarchalische Verhältnisse,
die mit dem günstigsten Erfolge arbeiten lassen. Die Schm itt sehen
Fabriken produciren eine Menge der verschiedenartigsten Artikel. Wir
fänden in der Ausstellung glatte Orleans in schwarz und far »ig ver
schiedener Qualität, Mohairs, fagoipirte und gedruckte Orleans und
diverse Modestoffe, Lastings, Italian Cloths, Cachemirs und Thybets,
Rockstoffe, gedruckte Möbel-, Regen- und Sonnenschirinstoffe; ausserdem
eine grosse Zahl von glatten und gedruckten Tüchern in den verschieden
sten Qualitäten undBreiten. Der Absatz dieser Waaren wird vermittelt
durch zwei Niederlassungen in Wien und Prag und durch Agenturen
in den grösseren Städten des In- und Auslandes.
In ähnlicher Weise sind die Einrichtungen von Franz Liebieg
in Reichenberg, der zum Theil dieselben Artikel in fast noch grösserer
Mannigfaltigkeit ausgestellt hatte.
Die Verschiedenheit der Artikel und die Art des Absatzes im
eigenen Lande bilden eine Eigentümlichkeit der österreichischen Fa
brikation. England und Frankreich haben dieses System langst ver
lassen und auch Deutschland entfernt sich immer mehr davon In
Oesterreich beweist das Prosperiren der leitenden Firmen, dass dieses
Verfahren noch das dem Lande angemessene ist.