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Full text: Textil- und Bekleidungs-Industrie, Wiener Weltausstellung Heft 5

Section I. Schafwollwaaren. Die Teppichfabrikation. 451 
lieh von der Türkei: im Kaukasus, in Siebenbürgen, Croatien, Slavonien 
und Bumänien die nämlichen Waaren gefertigt werden. Alle diese 
Länder sind auf der Wiener Ausstellung in würdiger Weise vertreten 
gewesen, die erstgenannten drei vorzüglichsten Fabrikationsstätten in 
überraschender Fülle und überwältigender Pracht. Das Gemeinsame 
dieser Industrie ist, dass sie den Charakter der Hausindustrie trägt — 
mit allen Schwächen und Vorzügen, welche diesem Fabrikationsmodus 
anhaften. Zu den ersteren gehört vor Allem der Mangel am Streben, 
technische Fortschritte sich anzueignen. Der Webstuhl, der vor Jahr 
tausenden im Hause des Indiers und Persers üblich war, hat sich von 
Generation zu Generation weiter vererbt, ist immer in nämlicher Weise 
neu construirt worden. Aber glücklicher Weise ist gerade in der 
Teppichindustrie die uranfängliche Technik in überraschender Vollen 
dung aufgetreten und veranlasst selbst uns, von unserer Höhe herab 
zusteigen und uns jener alten einfachen Apparate zur Nachahmung zu 
bemächtigen. Wenn wir die anderen Producte der indischen und per 
sischen Textilindustrien (abgesehen von den Shawls und Teppichen) 
betrachten, in denen sich die tiefste Stufe technischer Arbeit kundgiebt, 
wie die ordinären indischen Seiden- und Baumwollengewebe, die 
geschmacklosen persischen Baumwollendrücke, die rohen und schlech 
ten türkischen Woll-, Seiden- und Baumwollstoffe, so ist es kaum 
begreiflich, wie diese Völker im Teppiche und Shawl eine solche Vollen 
dung erreichen konnten. Es wird klar, wenn wir die Technik der 
Herstellung des Gewebes von der der Erzeugung des Musters trennen, die 
bei diesen Stoffen die Hauptsache ist. Wolle, Seide und Baumwolle 
lassen sich zu feineren Bekleidungssteffen auf den einfachen orientalischen 
Webstühlen mit den rohen Producten, die das Handspinnrad liefert, 
nicht in gleicher Vollkommenheit hersteilen, als es auf unseren hochent 
wickelten Stühlen mit den Erzeugnissen unserer complicirten Spinn 
maschinen der Fall ist, und der immer inniger werdende Handelsver 
kehr mit den europäischen Industrieländern thut das Uebrige, um die 
feinen Stoffe, welche der geduldge Orientale auf seinen unvollkommenen 
Geräthen hersteilen kann, mehr und mehr zu verdrängen. 
Die grossen Vorzüge der Hausindustrie, welche in der orientalischen 
Teppichfabrikation zum Ausdrucke kommen, bestehen aber hauptsächlich 
in dem Zusammenwirken aller bei der Herstellung interessirten Fac- 
toren. Während bei unserer Fabrikation der Färber, der Zeichner, der 
Weber getrennte Persönlichkeiten sind, deren jeder die nothwendige 
Kenntniss von dem Fache der anderen häufig vollständig abgeht, und 
die doch, soll ein harmonisches Ganzes entstehen, mit Verständniss 
einander in die Hände arbeiten müssen, wird im orientalischen Hause 
die Wolle gefärbt, versponnen und verwebt, das Muster componirt, 
wenn auch nicht immer von der nämlichen Person, so doch von den 
Gliedern der Familie oder des nächsten Kreises, die Alle, wohlvertraut 
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