452 Gruppe V. Textil- und Bekleidungs - Industrie.
mit dem zu fertigenden Gegenstände, als Glieder eines Ganzen zusammen
arbeiten. Ganz besonders aber ist es die Jahrtausende alte Tradition,
welche das Muster und die Zusammenstellung der Farben
beherrscht und jene Stärke und Sicherheit in der Ausführung erzeugt,
die das Product nicht zu einem angelernten, sondern naturwüchsigen,
empfundenen stempelt, und ihm jenen Reiz verleiht, der dem Originale,
nie der Nachahmung inne wohnt. Dieser Tradition, welche unseren
Fabrikaten in Form und Geschmack vollständig abgeht, die vielmehr
gerade im Gegensätze zu dem Festhalten am Hergebrachten auf dem
Haschen nach derMode beruhen, verdankt die orientalische Teppichfabrikation
ihren Reiz; unsere abendländische Industrie bestrebt sich,
in richtiger Erkenntniss hier nachahmend und weiter bildend zu
studiren.
Das orientalische Teppichmuster —'denn von einem solchen
können wir sprechen, weil sich in den Producten der verschiedenen
Länder ein Grundgedanke nachweisen lässt — beruht auf dem Principe
der Flächendecoration. Es verbannt, als der Bekleidung einer Fläche
widerstrebend, die Perspective und die naturalistische Nachahmung
vegetabilischer und animalischer Producte und bedeckt das Gewebe
mit zierlichen Ornamenten aller Art, deren Hauptzweck die Erzeugung
eines harmonischen Ganzen ist. Diese Ornamente vertheilen sich entweder
scheinbar unregelmässig, aber doch in gleichförmiger Wiederholung
über den Teppich, oder derselbe ist gegliedert: um ein Mittelfeld
herum in concentrische oder regelmässige Compartimente getheilt
und mit einem Saume umgeben. Letztere Teppiche nennt man abgepasste,
sie dienen als Sopha-, Tisch*, Bettteppiche u. s. w., oder werden
zum vollständigen Belegen von Zimmern in entsprechender Grösse
angefertigt; erstere versehen meistens gleichfalls den letzteren Zweck,
zu dem sie durch Aneinandersetzen, mit Rücksichtnahme auf den Rapport
des Musters, tauglich gemacht werden.
Die Zeichnungen, welche den Teppich zieren, müssen in Rücksicht
auf den Zweck des Gegenstandes vermeiden, durch zu aulfallende
Contouren das Auge des Beschauers, für den der Fussboden stets von
untergeordneter Bedeutung sein muss, zu sehr auf sich zu ziehen, sie
müssen durch Vermeidung zu scharf abgeschnittener Felder und schneidender
Contraste ein dadurch leicht entstehendes Gefühl der Unsicherheit,
der Furcht vor dem Fallen nicht aufkommen lassen, und jene
Behaglichkeit zu erzeugen bestrebt sein, die man durch Bedeckung des
harten oder ungefälligen Bodens auf das Gefühl des Betretenden durch
den Teppich hervorbringen will.
Nächst der Zeichnung des Musters ist hierzu ein besonders wichtiges
Mittel die Farbe desselben. Wie die Natur dem Boden meistens
neutrale, secundäre und tertiäre Tinten gegeben hat, soll auch der
künstliche Fussboden sich diese für die stilgerechte Behandlung zum