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Gruppe V. Textil- und Bekleidungs- Industrie.
dienen, dass die Anzahl der Flormaschen in 1 m Breite 400 bis 500
beträgt, und dass die Höhe derselben von 2 bis 5 mm variirt. Es
ist dies eine Qualität, die auch die besten Yeloursteppiche kaum
erreichen, und nun stelle man sich vor, dass jede einzelne dieser
Maschen mit der Hand geknüpft ist und dass dieselben auf dem Raume
eines Quadratmeters 160 000 bis 250 000 betragen! Unsere Fassungs
gabe kann sich die Geduld, welche dazu gehört, auf solche Weise Stoffe
in der grössten Ausdehnung anzufertigen, kaum vorstellen!
Der Chorassaner Teppich zeigt meist mehr Farbenpracht, doch ist
sein Gewebe bei weitem nicht so dicht wie das jener; er fühlt sich
weicher an, beim Bug wird die Kette sichtbar, die Haare legen sich
und kleben leicht zusammen, wodurch er einen unangenehmen Schiller
erlangt; seine Farben sind weniger dauerhaft, das Dessin ist oft prachtvoll,
besonders in Bordüren, jedoch auch oft bizarr; daher ist er trotz seiner
Schönheit, die dem Europäer imponirt, im Lande weit weniger geschätzt
und bezahlt. Der Turkomanteppich aus der Gegend des Atrekgebietes
ist von allen Teppichen der Welt der dauerhafteste und dichteste; sein
Grund ist dunkelbraun und es finden sich darin nur einige winkelige
geometrische Figuren eingewebt; er ist sehr geschätzt, kommt aber
selten in den Handel.
Die kleinen sogenannten Betteppiche (Galitscheh oder Sedschadeh
genannt) werden gleichfalls in Farahan und Chorassan gefertigt, doch
die schönsten, die an Farbenharmonie, Pracht und Feinheit’ Alles
überragen, werden von den Kurden in Sennah und Geruss, ferner an
der östlichen Grenze des Reiches in Gajin bei Sistan, früher auch in
Herat fabncirt. Diese Art von Betteppichen, die in der Ausstellung
besonders reich vertreten war, bietet in Bezug auf Geschmack, Varia
tion des Dessins, Vollkommenheit des Gewebes und Gleichheit der Schur
das Schönste, was die jetzige Teppichweberei überhaupt leistet. Trotz
dem können sich die jetzigen Teppiche mit jenen, die vor zwei Jahr
hunderten im Lande erzeugt wurden, und von denen sich noch Schätze
in den Palästen von Ispahan finden, in keiner Beziehung messen. Die
Nachahmung eines solchen in der österreichischen Ausstellung — auf
den wir noch später zurückkommen — mag diese Behauptung bestärken.
Leider haben sich sowohl die Farahaner wie die Sennaher verleiten
lassen, auch einige Stücke in Nachahmung europäischer Muster einzu
schicken, während man im Gegentheil jetzt in Europa dahin strebt, die
ruhigen persischen Originale zu imitiren. Tn jüngster Zeit trat auf
Bestellung europäischer Kaufleute eine kleine Modification der Fabri
kation ein. Um nämlich den persischen Teppich der Grösse eines jeden
Salons anpassen zu können, werden jetzt schmale Teppiche mit abge
sonderter Bordüre verkauft, aus denen das Stück je nach der Grösse
des Zimmers zusammengesetzt werden kann. Dies geschieht entweder