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Full text: Textil- und Bekleidungs-Industrie, Wiener Weltausstellung Heft 5

Section I. Schafwollwaaren. Die Teppichfabrikation. 461 
sehen Kenntnisse zu verbessern sei, andererseits der erstere diese Fabri 
kation zu einer auch für unsere Gegenden lucrativen machen könne. 
Die erst vereinzelt und im Kleinen auftretenden Versuche sind in den 
meisten Beziehungen als vollkommen geglückt zu bezeichnen, und die 
Fabrikation orientalischer Teppiche bildet heute - und zwar voi- 
nehmlich in Deutschland — einen nicht unbedeutenden Industriezweig, 
der noch grosser Ausdehnung fähig ist. Dieselbe beschränkt sich 
hauptsächlich auf die Imitation der geknüpften Smyrnateppiche und 
macht diesen eine empfindliche Concurrenz, die noch grösser sein 
würde, wenn der Bedarf vollständig befriedigt werden könnte. 
Die Fabrikation geschieht genau nach dem Principe der orientali 
schen auf Hautes-lisses-Webstühlen. Die Knüpfung der Maschen 
erfolgt in derselben Weise wie dort. Einzelne unwesentliche Abwei 
chungen sind da und dort im Gebrauche; so geben einige Fabrikanten, 
anstatt das Knüpfgarn von der Bolle abziehen zu lassen, den Arbeitern 
dasselbe gleich in nach vorgeschriebener Länge geschnittenen Fäden 
zum Einlegen. Die Zahl der Maschen in der Breite eines Meters 
beträgt 120 bis 180; als Kette wird nicht, wie bei den Smyrnateppichen, 
Wolle, sondern Leinengarn angewendet, entschieden zum Vortheile der 
Solidität des Stoffes; der Grundschuss besteht aus Jute.. Die Höhe 
des Flors ist circa 2 cm; das Material ist starkes, zwei- oder drei 
faches Wollengarn. Die Fabrikanten sind darauf eingerichtet, Teppiche 
nach aufgegebenem Maasse zum Belegen grosser Säle aus einem Stücke 
anzufertigen und haben deren in aussergewöhnlichen Dimensionen gelie- 
fert. In Farben und Musterzusammenstellungen erreichen die europäi 
schen Stoffe jedoch bei Weitem nicht die orientalischen. Ersteren fehlt 
viel an dem Feuer und wohlthuenden Glanze der asiatischen, und die 
Dessins, welche sich zwar meistens im Stile jener, besonders der türki 
schen, halten, lassen häufig eine grosse Unkenntniss in der Neben 
wirkung der Farben erkennen, so dass sie entweder zu mattend aus 
druckslos oder zu plump und schreiend ausfallen. Die Ungleichheit 
der Farben, welche an den Smyrnaer Teppichen häufig gerügt wird, 
ist zwar vermieden, es wird jedoch in neuester Zeit häufig über eine 
grosse Unsolidität der Nüancen geklagt. Sollten diese Klagen begründet 
sein, so verdient dieses Verfahren der Fabrikanten den schärfsten Tadel. 
Unsere Kenntnisse der Farbenchemie setzen uns in den Stand, in der 
Erzeugung echter, beständiger Farben vollkommen mit den Orientalen 
zu concurriren, ja durch unsere besseren technischen Hilfsmittel eine 
egalere, gleichmässigere Färbung herzustellen, als diese. Die schöne, 
bei uns sich entwickelnde Industrie würde den Todesstoss erleiden, 
wenn wir auch hier, wie bei den meisten unserer Massenfabrikate, nur 
die augenblickliche Schönheit und Preisersparniss durch Hervorbringung 
haltloser Farben im Auge hätten, und nicht vielmehr, wo wir in der 
Composition der Muster allerdings noch Schüler sind, wenigstens die
	        
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