Section V. Schafwollenwaaren. Die Teppichfabrikation. 473
kleckse in allen möglichen und unmöglichen Farben und Zusammenstellungen
sind heute für den gebildeten Geschmack keine anziehende
Sujets mehr, und es wäre den Industriellen, deren Fabrikate in anderer
Beziehung die Beweise höchster Intelligenz tragen, ein Leichtes, auch
in den Dessins Brauchbares zu leisten! Selbst die stilisirten Muster,
welche in Jacquardteppichen ausgestellt sind, leiden häufig theils an
Ungelenkigkeit der Zeichnungen, die ein mosaikartiges Ansehen haben,
theils an unrichtiger Farbenzusammenstellung und sind noch grosser
Vollkommenheit fähig. Allerdings sagen die Fabrikanten, dass eben
diese Dessins ihre gangbarsten‘sind, dass das geschäftliche Interesse sie
auf diesen Geschmack hinweise. Ein Blick auf die grossartige englische
Industrie und ihre prachtvollen Muster beweist jedoch das Hinfällige
dieser Ansicht, Nur dadurch, dass unsere Fabrikanten der Composition
der Muster die grösste Aufmerksamkeit zuwenden, in denselben nicht
den Liebhabereien der ungebildeten Massen fröhnen, sondern die von
der gebildeten Bevölkerung als richtig und schön erkannten Stilgesetze
sich aneignen und nach ihnen arbeiten, wird dieser schöne Industriezweig
immer festeren Boden bei uns fassen, werden unsere Leistungen
sich denen anderer Völker ebenbürtig zur Seite stellen.
Viel günstiger muss das Urtheil über die österreichischen Teppiche
ausfallen. Dieselben sind von Job. Dierzer und J. Ginskey
in Velours und Brüssels in zumTheil geschmackvollen stilisirten Dessins
und guten Qualitäten ausgestellt, während die lirma Gebrüder Schaumann
auch hier keine lobenswerthen Leistungen aufweist. Die schönsten
Fabrikate lieferten auch in diesen Genres wieder Philipp Haas & Söhne,
deren Qualitäten und Muster den besten Artikeln anderer Nationen in
keiner Weise nachstehen.
Aus anderen Ländern fungirten als Aussteller: Die Bigelow Carpet
Company in Clipton (Mass. Amerika) mit guten Veloursteppichen;
Stevens Michel & Co. in Brüssel mit wenig hervorragenden Brüsseler
und Veloursteppichen, während die bekannte königliche Fabrik zu
Tournay sich gar nicht betheiligt hatte und überhaupt Belgien in dieser
ihm einst eigenthümlichen Branche höchst ungenügend vertreten war.
Aus Spanien hatte die Firma Sert Her man os in Barcelona, deren Shawls
und Möbelstoffe äusserst bemerkenswerth sind, hübsch fabncirte Teppiche,
wenn auch ganz in naturalistischem Geschmack, ausgestellt; die
russischen und italienischen Erzeugnisse, besonders die letzteren, sind
keiner Erwähnung werth.
Vergegenwärtigen wir uns noch einmal die Leistungen auf dem
Gebiete der Teppichindustrie, wie sie uns auf der Ausstellung im getreuen
Abbilde der wirklichen Verhältnisse entgegentraten, so kann
nicht geleugnet werden, dass die europäischen Erzeugnisse hinter denen
des Orients in vielen Beziehungen weit zurückstehen: sowohl in der