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Full text: Graphische Künste, Wiener Weltausstellung Heft 6

644 Gruppe XII. Graphische Künste. 
wirkt. Dagegen muss andererseits in die Waage gelegt werden, dass 
diese alte Firma nie ein Buch gedruckt hat, bei welchem die Speculation 
über die Ehre der Literatur und der Firma ging. Sie beschäftigt in 
Stuttgart und Augsburg noch über 200 Personen und verdruckt für 
ihren Gebrauch jährlich circa 30 000 Ries Papier. 
Interessant war es, die jetzigen Prachtausgaben mit den aus dem 
Beginn unseres Jahrhunderts hervorgegangenen zu vergleichen, wozu 
die Firma G. J. Göschen (gegründet 1785) Gelegenheit geboten hatte. 
Um eine Prachtausgabe von Wieland zu drucken, erhielt Göschen ein 
Privilegium für eine Buchdruckerei, die jedoch „nur mit lateinischen 
Lettern nach Didot“ drucken durfte. Zu dieser Ausgabe gesellten 
sich später andere Prachtausgaben, z. B. eine griechische des Homer. 
Doch fanden sie alle keinen rechten Beifall, was zum Theil dem Druck 
mit Antiquaschrift zugeschrieben wird. Von neuen Prachtausgaben 
waren ausgelegt: „Oberon“" mit vortrefflichen Illustrationen von G. Max 
und G. Closs und Möricke’s „Historie von der schönen Lau“ mit 
Umrissen von M. von Schwind. 
Ein Jüngling an Jahren gegen Cotta und Göschen steht Ed. 
Hallberger’s Verlag (gegründet 1848) da, der alle Stuttgarter und 
überhaupt die meisten deutschen Druck- und Verlagsgeschäfte über 
flügelt hat. Alle graphischen Branchen sind hier vereinigt, schliess 
lich gehört noch die grosse Papierfabrik in Salach bei Göppingen dem 
Verleger, dessen grossartiger Wirkungstrieb auch über den Kreis der 
direct oder indirect den graphischen Künsten angehürenden Unterneh 
mungen greift. Das Geschäft producirt jährlich circa 35 000 Ctr. Ge 
drucktes im Werthe von etwa 1 1 / 2 Mill. Gulden. Das Comptoirpersonal 
allein besteht aus 56 Mitarbeitern, das technische aus 234 männlichen 
und 216 weiblichen Individuen. Die Buchdruckerei mit 30 Schnell 
pressen befindet sich seit 1871 in dem grossartigen neu erbauten 
Geschäftshause. Die Menschenarbeit wird in dem Stuttgarter Druck 
etablissement durch eine Dampfmaschine von 25 Pferdekraft untei- 
stützt. Eine Filiale in Leipzig vermittelt den grossartigen Betrieb des 
Verlags über diesen Hauptstapelplatz des Buchhandels. Eine Specialität 
des Hauses ist bekanntlich der illustrirte Verlag, darunter in erster 
Reihe die Zeitschriften „Ueber Land und Meer“, „Illustrirte Welt und 
„Illustrirte Volkszeitung“, die sich sowohl durch ihren Inhalt und ihre 
vorzügliche artistisch-typographische Ausstattung als durch ihren billigen 
Preis auszeichnen. Viele der Illustrationen in „UeberLand undMeei 
können Anspruch auf den Titel von wirklichen Kunstwerken machen. 
Eine bedeutendeDrnckleistung ist die deutsche Ausgabe der Dore-Bibel. 
Der ganze Hallber ger’sehe Verlag trägt den Charakter eines gewissen 
idealen Schwunges und wirkt deshalb sympathisch, was auch für die 
Bestrebungen des Herrn v. Hallberger zur Begründung einer allge 
meinen deutschen Pensions- und Invalideneasse für Buchdrucker gilt.
	        
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