Section III. Glasindustrie.
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Handfertigkeit, gewisse Bravourstücke und tours de force der Arbeiter die
Höhe erreicht haben, welche wir an vielen Gläsern der fünf ersten
Jahrhunderte unserer Zeitrechnung bewundern, und welche zum Theil
noch im 13. Jahrhundert in Venedig wieder geübt worden ist.
Wenngleich der Geschmack, welcher vor einigen Jahrzehnten noch
schwere geschliffene Farbgläser liebte, sich ihnen ab und mehr den
leichten farblosen Gläsern zugewandt hat, so finden wir doch, dass 1 die
Fabrikanten nicht nachlassen, besonders für Vasen und sonstige Stand
gläser auf neue Farben, Formen undDecorirungen zu sinnen. Undurch
sichtige, sogenannte matte, porcellanähnliche Gläser, sowohl weisse
(Alabaster-, Bein-, Reaumur’sche Gläser) als verschiedengefärbte, in den
mannigfaltigsten Nüancen von Blau, Violet, Gelb und Braun sind in
grosser Menge ausgestellt, und w'irken besonders da wohlgefällig, wo
in einer Farbe ganze Garnituren durchgeführt sind; die Grossartigkeit
der kunstgewerblichen Anstalten von J. & L. Lobmeyr in Wien in
Verbindung mit Meyr’s Neffe in Adolf haben es möglich gemacht,
jedes Genre ihrer Fabrikation auf 13 oder 19 Tischen von einander
gesondert auszustellen, und das Auge empfindet eine grosse Befriedi
gung, nicht durch Vielartiges zerstreut, sondern durch harmonisches
Zusammenwirken zur ruhigen Betrachtung der einzelnen eingeladen
zu sein. Ein Tisch voll grüner Gläser mit Krystallschliff, ein anderer
mit brillanten, wasserhellen oder mit mattblauen in maurischem Stil
in weissem Email decorirten, oder mit schwarzen nach Art der campa-
nischen bemalten Vasen wirken ebenso durch die übereinstimmende
Menge, wie sie einen hohen Begriff geben von den Hilfsmitteln und dem
Geschmack der Aussteller. Doch möchten wir hier eins nicht verhehlen,
dass zwar der Versuch, mit einer Industrie in eine andere überzugrei
fen, hier mit der des Glases in die der Keramik, nicht zu tadeln ist,
und manchmal zu neuen, auch der ersteren anpassenden Erzeugnissen
führt, manchmal aber auch nicht. Die Nachbildung griechischer Thon
vasen in Glas z. B. scheint uns nicht angemessen, da in letzterem
Material die feine Profilirung der ersteren nicht erreicht, der Glanz
aber nicht zu Gunsten der Malerei bei weitem überstrahlt wird.
Die schönste Eigenthümlichkeit des Glases, seine Durchsichtigkeit
oder Durchscheinbarkeit, aufzugeben, um die feine Bildsamkeit des'
Thons und seine Geeignetheit zur Aufnahme figürlicher Darstellun
gen doch nicht zu erreichen, mag einmal versucht, aber nicht fort
gesetzt werden.
Ausser den genannten sind die farbigen Hohlgläser der schon
aufgeführten Schaffgotsch’schen Hütte in Schlesien, der Harrach’-
schenin Böhmen, die von Schreiber & Neffen in Wien, 0. Boden
müller & Sohn in Hurkenthal in Böhmen, die Kais. Russ isc he Glas-
manufactur in Petersburg und Salviati& Co. in Venedig, Moninha
grande zu Lenzia in Portugal wegen mannigfacher guter Erzeug-