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Full text: Industrie der Stein-, Thon- und Glaswaaren, Wiener Weltausstellung Heft 10

472 Gruppe IX. Industrie der Stein-, Thon- u. Glaswaaren. 
nommen hat, hier noch besonders gedenken. Seine Leute verstehen es, 
den mannigfaltigsten Gefässkörpern die gewollte Form, ihre Füsse mit 
der Achse rechtwinklig anzusetzen, Henkel, Griffe und Ausläufe auch 
an den feinsten Gläsern ohne Schaden für die Hauptform mit Sicher 
heit zu garniren. Man sieht Kunststücke, die zugleich Kunstwerke sind 
und nur von Glasbläsern erdacht und nach vielen Uebungen gelungen 
sein können. Sie schaffen Formen, auf die man nicht verfällt, indem 
man am Bleistift kauet, sondern indem man die Pfeife schwingt und 
einen Gehilfen zur Hand hat, der jedes Augenzucken versteht und flink 
und sicher zu befolgen weiss. Es wird da eine Kunst geübt, zu deren 
Ausübung, wenn wir es aussprechen dürfen, Arbeiter vonRace gehören, 
Leute, denen das Gelingen lieber als der Lohn ist. 
Eine Correctur des Misslungenen ist gerade bei dieser Technik 
nicht möglich, es muss stehen bleiben, wie es entstanden ist. Es sind 
Gläser mit aufgelegten bunten Glasfäden in allerlei oft bizarren For 
men, Drachen, Schlangen mit Flügeln und offenen Rachen, Flügelgläser 
mit Wappenhaltern, Gläser mit Opakfäden in der klaren Masse, theils 
nur gewunden (ritorti), theils sich kreuzend (reticelli), mit einer Luft 
blase in jeder Raute. Filigran- und Petinetgläser oder solche, deren 
ganze Masse aus vielfältig Überfangenen quer durchgeschnittenen run 
den und sternförmigen Röhrchen und Stäbchen bestehen, Millefioris. 
Auch diese waren der Fabrik in einzelnen ungeformten und geschliffenen 
Stücken sehr gut, minder gut in geblasenen Kannen und Vasen geformt 
gelungen. Sie bedürfen eines Schliffes, um die Querschnitte der Stäb 
chen glänzend zur Geltung zu bringen. Die antiken Millefioris sind 
nicht überfangen und haben so weit es sich aus den Bruchstücken und 
den wenigen ganz erhaltenen vermuthen lässt, meistens Formen, die nicht 
geblasen, sondern etwa in Thonformen gebildet und profilirt scheinen. 
In der Masse gefärbte durchsichtige und halbdurchsichtige Opal 
gläser und undurchsichtige Agat- und Jaspisgläser, mit Gold überpuderte 
Gläser und solche, welche wie die Aventurine im Innern goldglänzende 
Flitter (reducirtes Kupfer) zeigen, kurz, Salviati macht mit seinen Ar 
beitern fast Alles, was die antike Welt darzustellen wusste, — mehr und 
fast Alles — aber nicht Alles. Gläser mit Überfangenen Goldmalereien 
(fondi d'oro), die uns aus den Katakomben, auch durch einige Kölner 
Funde bekannt sind, Flaschen nach Art der ägyptischen mit abwech 
selnden Sparren in der Masse, geformt und geblasen, und solche 
Diatretra genannt, die mit einem Netz überfangen sind, macht er rächt, 
wenngleich es ihm leicht werden würde, wenigstens die ersteren anzu 
fertigen. 
Etwas den Diatretra Annäherndes hat G. Zahn in Zlatno in Ungarn 
ausgestellt. Die Alten verstanden es nämlich — wie? ist uns einRäthsel —, 
gläserne Trinkschalen von aussen so mit einem Glasnetz zu über 
ziehen, dass dieses nur in seinen Knotenpunkten durch kleine z. B. 5 mm
	        
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